Zum Prozess gegen den Landwirt aus Merklingen haben Tierschützer am Freitag auf dem Ulmer Hans- und Sophie-Scholl-Platz für mehr Tierrechte demonstriert. Auch im Gerichtssaal saßen viele Tierschützer unter den Zuhörern.  Foto: Volkmar Könneke
Zum Prozess gegen den Landwirt aus Merklingen haben Tierschützer am Freitag auf dem Ulmer Hans- und Sophie-Scholl-Platz für mehr Tierrechte demonstriert. Auch im Gerichtssaal saßen viele Tierschützer unter den Zuhörern. Foto: Volkmar Könneke
Zum Prozess gegen den Landwirt aus Merklingen haben Tierschützer am Freitag auf dem Ulmer Hans- und Sophie-Scholl-Platz für mehr Tierrechte demonstriert. Auch im Gerichtssaal saßen viele Tierschützer unter den Zuhörern.  Foto: Volkmar Könneke
Zum Prozess gegen den Landwirt aus Merklingen haben Tierschützer am Freitag auf dem Ulmer Hans- und Sophie-Scholl-Platz für mehr Tierrechte demonstriert. Auch im Gerichtssaal saßen viele Tierschützer unter den Zuhörern. Foto: Volkmar Könneke

Ulm, Samstag, 16. März 2019

Bauer für Tierquälerei ins Gefängnis

Richter spricht von extremer Todesrate in dem Merklinger Schweinemastbetrieb und verhängt drei Jahre Haft. Der Landwirt verheimlichte einen zweiten Stall, Kontrolleuren fielen die Misstände nicht auf.

von PETRA LAIBLE

Von einer über Monate dauernden „Massentierhölle“ anstatt Massentierhaltung hat Richter Oliver Chama gesprochen, als er am Freitag Nachmittag am Ulmer Amtsgericht einen 56-jährigen Landwirt aus Merklingen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt hat – der Höchststrafe. Zum allerersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland habe es für Tierquälerei in der Massentierhaltung eine Freiheitsstrafe gegeben.

„Eine dramatisch hohe Anzahl von Tieren musste leiden“, sagte Chama. Schweine in völlig überfüllten Ställen, die gravierende Verhaltensstörungen entwickelt hätten, es sei zu Kannibalismus gekommen, sie bissen sich Ohren und Schwänze bis auf die Knochen ab, kranke und sterbende Tiere lagen in Fäkalien, wurden ihrem Schicksal überlassen, es gab zu wenig Futter und Wasser, die Luft war ammoniakverseucht.

Der Angeklagte räumte alle Vorwürfe ein und legte ein Geständnis ab. Er erhielt ein lebenslanges Tierhalteverbot.

Die Todesrate unter den Schweinen in dem Mastbetrieb sei über Jahre extrem hoch gewesen, sagte der Richter. Bis zu 21,34 Prozent – „normal“ seien zwei bis zehn Prozent. Von 2013 bis 2016 starben in dem Mastbetrieb pro Jahr bis zu 396 Tiere wegen schlechter Haltungsbedingungen, führte er aus. Die Ställe seien mit „Wissen und Wollen“ des Angeklagten zur Gewinnmaximierung massiv überbelegt gewesen. Der Landwirt hätte in den zwei Ställen zusammen 1420 Tiere halten dürfen, es waren bis zu 600 mehr. Chama: „Er wollte mit Tierquälerei Geld verdienen.“

Einen älteren, zweiten Stall, in dem laut Richter katastrophale Zustände herrschten, hatte der Bauer Behörden und Kontrolleuren verschwiegen. Dieser war anscheinend niemandem aufgefallen. Der Mastbetrieb trug sowohl das Tierwohl-Label als auch das Herkunftszeichen Baden-Württemberg (HQZ). Eine Fleischwarenfirma hatte gar mit dem Konterfei des Bauern geworben.

Die Zustände hatte die „Soko“ Tierschutz im Oktober 2016 zufällig aufgedeckt, weil sie bei Recherchen zu einem anderen Fall an dem Hof vorbeikam. Soko-Gründer Friedrich Mülln sagte am Freitag – erstmals vor einem Gericht – als Zeuge aus. Andere Verfahren wegen Tierquälerei in der Massentierhaltung seien bisher eingestellt worden. Er habe auf dem nach außen hin unauffälligen Hof eine Mülltonne voll mit Kadavern entdeckt, auf einem mit einer Plane abgedeckten Haufen weitere. Dass es zwei Ställe sind, habe er gleich gesehen.

Ein Amtstierarzt des Landratsamts Alb-Donau hat den Mastbetrieb nach den Vorwürfen am 6. Oktober 2016 kontrolliert: Er habe keine gravierenden Verstöße festgestellt, beteuerte er vor Gericht.

Erst bei weiteren Kontrollen am 10. und 11. Oktober von Veterinären des Landratsamts und aus dem Landwirtschaftsministerium in Stuttgart wurden die Missstände dokumentiert: 160 kranke Tiere mussten notgeschlachtet werden, alle anderen kamen vom Hof.

Zu der Zeit ging es dem Angeklagten nicht gut: Ein psychiatrischer Sachverständiger bestätigte eine schwere depressive Episode über drei, vier Monate seit Juni 2016.

„Er sitze da wie ein Häuflein Elend“, sagte der Staatsanwalt über den Angeklagten, der während der fast siebenstündigen Verhandlung nur auf den Boden sah. Er hielt eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren und eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 50 Euro für ausreichend. Die Verteidigerin hatte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten ausgesetzt zur Bewährung gefordert und eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 50 Euro.

Das Gericht lag mit seinem Strafmaß deutlich darüber: Nicht, um ein Exempel zu statuieren, sagte Richter Chama. Die Strafe sei der Schuld des Landwirts angemessen.

Er fügte aber hinzu: „Er ist nicht der böse Feigling, den manche in ihm sehen.“ Der Landwirt habe geliefert, was auf dem Markt nachgefragt sei: „billigstes Fleisch“. Insofern müsse sich jeder, der ihm Vorwürfe macht, überlegen, ob er frei von moralischer Schuld ist.

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