In Geislingen vergehen 70 Jahre, bis Frauen in der Lokalpolitik mitreden

Geislingen, 12.02.2019

In Geislingen vergehen 70 Jahre, bis Frauen in der Lokalpolitik mitreden

Vor 100 Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt. Im Jahr 1975 ließen sich die ersten Bewerberinnen aufstellen. 1989 schafften es dann vier Frauen in die Ortsparlamente.

von Alfons Koch  

Dieses Jahr feiert die erste deutsche Demokratie ihren 100. Geburtstag. Die neue demokratische Verfassung – Grundlage auch der Weimarer Republik – garantierte Frauen ab 1919 erstmals die staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Frauen durften 1919 in Deutschland erstmals wählen – und selbst gewählt werden.

Das sind die ersten Geislinger Frauen, die 1989 in den Gemeinde- beziehungsweise Ortschaftsrat gewählt wurden. Margarete Lenz (links) für die Aktiven Bürger und Mathilde Teichmann (Zweite von links) für die CDU schafften es in den Gemeinderat. Rosemarie Hutt (Dritte von links) für die CDU und Gabriele Nurna (rechts) für die Junge Union wurden im selben Jahr in das Binsdorfer Gremium gewählt. Gabriele Nurna ist auch heute noch Stadträtin.
Das sind die ersten Geislinger Frauen, die 1989 in den Gemeinde- beziehungsweise Ortschaftsrat gewählt wurden. Margarete Lenz (links) für die Aktiven Bürger und Mathilde Teichmann (Zweite von links) für die CDU schafften es in den Gemeinderat. Rosemarie Hutt (Dritte von links) für die CDU und Gabriele Nurna (rechts) für die Junge Union wurden im selben Jahr in das Binsdorfer Gremium gewählt. Gabriele Nurna ist auch heute noch Stadträtin.

Am 19. Januar 1919 gingen 82 Prozent der Frauen in Deutschland zur Wahl, 37 Frauen zogen ins Parlament, eine Quote von neun Prozent. In Geislingen sollten 70 Jahre vergehen, bis die ersten Frauen in der Kommunalpolitik mitmischten. Geislingens ehrenamtlicher Stadtarchivar Alfons Koch hat über diese Zeit recherchiert und einen Text verfasst. Nachfolgend seine Ausführungen:

In der Umbruchzeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bildeten sich nach dem Vorbild der russischen Sowjetrepublik auch in Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte. Auch in Städten und Gemeinden des damaligen Oberamts Balingen bildeten sich nach dem Ersten Weltkrieg Arbeiter- und Bauernräte. In Geislingen wurde den Frauen in diesem Zusammenhang Wahlbeeinflussung vorgeworfen. Wie es dazu kam? Am 8. Dezember 1918 wurde im Gasthof Rössle in einer nicht geheim durchgeführten Wahl der Arbeiter- und Bauernrat Geislingen gegründet. Dieser bestand aus acht Mitgliedern. Zum Vorsitzenden wurde Friedrich Hermann Wern, von Beruf Bierbrauer und „Rössle“-Eigentümer, gewählt. Die Abstimmung, bei der rund 200 Personen anwesend waren, erfolgte durch Aufstehen oder Sitzenbleiben auf den Stühlen.

Dieses „Stühlerücken“ als formeller Gründungsakt des Arbeiter- und Bauernrats wurde von den Mitgliedern des damaligen Gemeinderats in Geislingen nicht anerkannt. Der neu gegründete Arbeiter- und Bauernrat Geislingen wiederum forderte unter anderem die Erwerbung des Stauffenbergischen Besitzes (auch von Enteignung war die Rede) und die Neuorganisation der Gemeindeverwaltung in Geislingen.

In einer am 30. März 1919 abgehaltenen Bürgerversammlung im damaligen Gasthaus Zum Löwen wurden daher Neuwahlen über einen Arbeiter- und Bauernrat verlangt. Am 13. April fanden im Rathaus in Geislingen dann, wie vom Gemeinderat gefordert, geheime Wahlen statt. Wahlvorstand war Lehrer Korherr. Einen Tag später beschwerte sich Friedrich Hermann Wern schriftlich beim Vollzugsausschuss des Arbeiterrats in Stuttgart. Er beklagte, dass die „Weiber“ mit ausgefüllten Wahlzetteln auf das Rathaus zum Wählen geschickt wurden. In einem weiteren Schreiben an den Landesausschuss des Arbeiter- und Soldatenrats Stuttgart schildert Friedrich Hermann Wern, „dass Frauen, von einer „Leich'“ (Beerdigung) kommend, von aufgestellten Werbern auf das Rathaus genötigt wurden und mit vorgefertigten Stimmzetteln zur Wahl geführt wurden.“

Nachdem Deutschland sich zu einer parlamentarischen Demokratie bekannte, löste sich die Rätestruktur 1919 auf und ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen, bei dem die Frauen wählen und gewählt werden durften.

1975 gab's erste Bewerberinnen

Dennoch vergingen in Geislingen weitere 56 Jahre, bis sich Frauen trauten und für den Gemeinderat kandidierten. Die ersten Frauen, die sich im Jahr 1975 aufstellen ließen, waren: Inge Hauser (CDU); Helene Graf (SPD) und Karola Walter (Freie Wählervereinigung). 1980 waren die Kandidatinnen: Marianne Eith (CDU), Gudrun Kübler (FWV) und 1984 Ulrike Berkholz (SPD) und Gertrud Springer (FWV).

Erst 70 Jahre nach Bestehen des Frauenwahlrechts wurden im Jahr 1989 dann die ersten Frauen in den Geislinger Gemeinderat gewählt: Mathilde Teichmann (CDU) und Margarete Lenz (Aktive Bürger). In den Ortschaftsrat Binsdorf wurden 1989 als erste Frauen Gabriele Nurna (Junge Union) und Rosmarie Hutt (CDU) gewählt. Aus Erlaheim wurde Rita Neubacher (Aktive Bürger) im Jahr 1994 in den Gemeinderat gewählt.

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