Unsere Heimatmuseen: das Onstmettinger Philipp-Matthäus-Hahn-Museum
Foto: Olga Haug

Albstadt-Onstmettingen, 05.12.2018

Unsere Heimatmuseen: das Onstmettinger Philipp-Matthäus-Hahn-Museum

Er war Pfarrer und Ingenieur: Philipp Matthäus Hahn revolutionierte die Mechanik und entwickelte neben der Weltmaschine auch eine neue Art der Rechenmaschine. Seine Erfindungen sind im Museum in Onstmettingen ausgestellt.  Mit Fotostrecke.

von Olga Haug  

Nicht allein die Exponate des Museums sind geschichtsträchtig, das Gebäude selbst ist es ebenso. Der Weg zur heutigen Funktion als Museum ist ein langer und letztlich dem Verdienst eines überaus engagierten Arbeitskreises und Fördervereins zu verdanken.

Die Rechenmaschine gehört zu den besonderen Ausstellungsstücken im Philipp-Matthäus-Hahn-Museum in Onstmettingen.
Die Rechenmaschine gehört zu den besonderen Ausstellungsstücken im Philipp-Matthäus-Hahn-Museum in Onstmettingen. Foto: Olga Haug

Als „Kasten“ ist das Philipp-Matthäus-Hahn-Museum in Albstadt eigentlich bekannt. Auch wenn es die einstige romanische Saalkirche aus dem Jahre 940 erahnen lässt, den Namen hat das Museum nicht unbedingt der Gebäudeform wegen. Nach der Reformation im 16. Jahrhundert verlor der Bau seine Bedeutung als Kirche und wurde zum herzoglichen Fruchtkasten umfunktioniert. Die Kirchenfenster wurden zugemauert, das Dach abgetragen, eine Zwischendecke eingezogen und ein zweites Stockwerk draufgesetzt.

Ein Modell der Weltmaschine.
Ein Modell der Weltmaschine. Foto: Olga Haug

Vom Kasten zum Wohnhaus

Nachdem der „Zehnte“ Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde, also jene Steuerabgabe, die ein Zehntel des Ertrages bezifferte, verlor das Gebäude auch als Fruchtkasten seine Bedeutung. Nach einem kurzen Intermezzo als Korsettweberei bezog um 1900 eine Bauernfamilie das geschichtsträchtige Haus.

Die ehemalige romanische Kirche wurde im 16. Jahrhundert um ein Stockwerk erweitert und in den 1980er Jahren zum Museum umfunktioniert. Heute beherbergt es Erfindungen von Philipp Matthäus Hahn.
Die ehemalige romanische Kirche wurde im 16. Jahrhundert um ein Stockwerk erweitert und in den 1980er Jahren zum Museum umfunktioniert. Heute beherbergt es Erfindungen von Philipp Matthäus Hahn. Foto: Olga Haug

Nach dem Zweiten Weltkrieg bot das Gebäude etwa 60 Flüchtlingen Obdach. Die letzten Bewohner waren wie durch Zufall eben erst ausgezogen, als kurz darauf, am 3. September 1978, die Erde in Albstadt bebte. Das Steingebäude wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Fassade hatte starke Risse. Hier wurde der Ruf vieler Onstmettinger laut: „Weg mit dem alten Haus“.

Der zweite Vorsitzende des Fördervereins, Fritz Brenner, erklärt die Neigungswaage.
Der zweite Vorsitzende des Fördervereins, Fritz Brenner, erklärt die Neigungswaage. Foto: Olga Haug

Und hier nun kommt Philipp Matthäus Hahn ins Spiel. Nicht wahrhaftig, aber sein Vermächtnis, das er dem Ort hinterlassen hat. 1980 wurde der Entschluss gefasst, das historische Gebäude zu erhalten – der Ortschaftsrat stimmte einstimmig dafür. Sogleich bildete sich ein engagierter Arbeitskreis. Unterstützt wurde das Vorhaben vom Landesdenkmalamt, das die euphorischen Hobbyhistoriker damals aber ausdrücklich warnen wollte: „Macht kein Museum daraus, nur damit der Kruscht vom Dachboden ausgestellt wird!“, erzählt Fritz Brenner, zweiter Vorsitzender des Fördervereins und wahrhaft ein Experte in Sachen Philipp Matthäus Hahn. Den Warnungen zum Trotz entstand ein Museum, das das Wirken des Pfarrers Philipp Matthäus Hahn beleuchtet – eine Widersetzung, die sich gelohnt hat.

Unsere Heimatmuseen: das Onstmettinger Philipp-Matthäus-Hahn-Museum

Hahn war von 1764 bis 1770 als Pfarrer in Onstmettingen tätig, wie zuvor auch schon sein Vater. Dieser wurde von Scharnhausen nach Onstmettingen versetzt. Nicht ohne Grund. Der Vater war offenkundig dem Alkohol angetan und dahin versetzt worden, wo es keinen Trollinger gab, allenfalls sauren Most. „Hier ist es ein halbes Jahr lang Winter, ein viertel Jahr lang kalt und ein viertel Jahr lang warm. Bei uns wachsen Steine auf den Feldern“, erzählt Fritz Brenner mit treffendem Humor.

Der damals jugendliche Philipp Matthäus beginnt mit Sonnenuhren zu experimentieren und Sternkarten zu zeichnen. In Philipp Gottfried Schaudt findet er einen Sinnesgenossen. Bald schon bekam Philipp Matthäus Hahn den Auftrag des Balinger Oberamtes, eine Sonnenuhr an der Stadtkirche anzubringen, die nach wie vor dort hängt. „Seither laufen die Uhren in Balingen richtig“, lacht Brenner, der sich den Seitenhieb nicht verkneifen kann.

Hahn war Autodidakt, hat es aber seiner Leidenschaft und seiner Detailbesessenheit zu verdanken, dass er sich neben seiner Tätigkeit als Pfarrer als Ingenieur und Astronom verwirklichen konnte. Während seines Studiums kaufte er sich eine kaputte Taschenuhr für fünf Gulden – ein kleines Vermögen für einen Studenten, der sich hierfür zwei Wochen lang von Brot und Wasser ernähren musste. Er hat die Uhr so oft auseinander- und wieder zusammengebaut, bis sie komplett zerbrach, schreibt Hahn in seinem Tagebuch. Er war besessen davon, zu verstehen, wie sie funktioniert.

„Als ich eines Nachts ein wunderbares Himmelsgestirn gesehen habe, habe ich entschieden, es nachzubauen“, schreibt Hahn. Diese fixe Idee lässt ihn nicht mehr los. In seiner Pfarramtszeit macht er sich mit seinem Freund Schaudt daran, astronomische Uhren zu bauen. Herzog Carl Eugen wurde auf die beiden Tüftler aufmerksam. Er beauftragte sie, für die Ludwigsburger Bibliothek eine astronomische Uhr zu bauen. Entstanden ist die sogenannte Weltmaschine. Das Modell ist im 1:4-Format im Kasten ausgestellt und zeigt auf faszinierende Weise, wie brillant Hahn sein Handwerk verstand. Die Weltmaschine besteht aus drei Anzeigen, über denen allesamt Chronos, der Gott der Zeit aus der griechischen Mythologie thront.

Zeigt die oberste Anzeige noch vergleichsweise unspektakulär die Uhrzeit an, sind es die beiden unteren, die die Uhr zu einer Weltmaschine machen: Die Mitte stellt den ewigen Kalender dar. Über mehrere 1000 Jahre zeigt sie das aktuelle Datum an. Die dritte Anzeige offenbart die sogenannte Weltzeit, wie sie in der Johannesoffenbarung errechnet wurde. Der große Zeiger braucht 100 Jahre für eine komplette Umdrehung. Laut Kalender erfolgt folglich im Jahre 3888 der Weltuntergang.

Rund 50 Exponate zu Philipp Matthäus Hahn sind im Museum ausgestellt. Darunter auch mehrere Taschenuhren, die von Hahn revolutioniert wurden: Sie wurden um den Sekundenzeiger erweitert. Mit dem Fördergeld der Sparkassenstiftung sollen weitere Exponate Hahns erworben werden, sagt Fritz Brenner. Ein ganz besonderes Stück schmückt die Ausstellung im Museum aber bereits jetzt: die kreisrunde Rechenmaschine. Gut behütet im verschlossenen Glaskasten steht die Maschine an exponierter Stelle mitten im Raum. Fritz Brenner legt Handschuhe an, bevor er das besondere Stück berührt. Hahn entwickelte den automatischen Zehnerübertrag, weshalb seine Rechenmaschine ein Meilenstein im mechanischen Rechnen ist.

Beginn der Waagenindustrie

Nicht zu vergessen ist Hahns Erfindung der Neigungswaage, die erstmals ein präzises Wiegen ohne Gewichte ermöglichte. Dies war schließlich auch der erfolgreiche Beginn der Waagenindustrie auf der Alb. „Wir in Onstmettingen waren die ersten“, betont Fritz Brenner deutlich. Die oberen Stockwerke des Museums widmen sich mit etwa 1000 Exponaten eben diesem Thema: Waagen. Fritz Brenner versteht es, mit Witz und Spannung durch das Museum zu führen und will abschließend eine für ihn überaus wichtige Sache hervorheben: „Es heißt Philipp-Matthäus-Hahn-Museum und nicht Kasten.“

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