Unsere Heimatmuseen: das Dorfmuseum in Melchingen
Foto: Volker Bitzer

Melchingen, 23.11.2018

Unsere Heimatmuseen: das Dorfmuseum in Melchingen

Wer das Dorfmuseum in Melchingen betritt, der fühlt sich buchstäblich in eine andere Welt versetzt. In eine Zeit, in der die Menschen auf der rauen Alb noch wussten, warum dieser Landstrich im Volksmund so genannt wird. Mit Fotostrecke.

von Volker Bitzer  

Das Dorfmuseum in Melchingen war ehemals ein kleines landwirtschaftliches Anwesen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts steht das Häusle an der Durchfahrtsstraße – heute liegt das bekannte Theater Lindenhof direkt gegenüber. Um die Jahrtausendwende lebte hier Kaspar Maichle; von der Weberei und seiner kleinen Landwirtschaft. Nach dessen Tod erbte Maichles Nichte Sofie, die den Mann zuletzt gepflegt hatte, das Gebäude. Sie war die letzte Bewohnerin und starb 1969 mit 84 Jahren.

Unsere Heimatmuseen: das Dorfmuseum in Melchingen
Foto: Volker Bitzer

Im Jahre 1974 erwarb die Stadt Burladingen das Haus und bewahrte es vom weiteren Verfall. Mit Zuschüssen aus dem damaligen Albprogramm wurde es zu einem Dorfmuseum umgebaut. Es waren in den Folgejahren vor allem die Mannen des Liederkranz Melchingen, welche sich um das Kleinod im Ort kümmerten.

Niedrig, hell, gemütlich: Die Wohnstube im Melchinger Dorfmuseum.
Niedrig, hell, gemütlich: Die Wohnstube im Melchinger Dorfmuseum. Foto: Volker Bitzer

Das Inventar des Dorfmuseums stammt größtenteils aus Melchingen. Besucher sollen die Lebens- und Arbeitsweise des typischen Albbewohners, wie er vor etwa einem Jahrhundert lebte, hautnah erkunden. Geprägt von der Armut der Ackerscholle. Deshalb ist das Bauernhaus der Alb auch kleiner und beengter als in den besseren Agrargebieten Oberschwabens, Bayerns oder im Schwarzwald.

Die einfachen Leute von früher waren zumeist Selbstversorger von A bis Z. Dazu gehörten nicht nur Landwirtschaft, sondern auch das Reparieren vieler Dinge. Eine Werkbank mit Schuhmacher-Werkzeug findet sich daher ebenfalls im Dorfmuseum.
Die einfachen Leute von früher waren zumeist Selbstversorger von A bis Z. Dazu gehörten nicht nur Landwirtschaft, sondern auch das Reparieren vieler Dinge. Eine Werkbank mit Schuhmacher-Werkzeug findet sich daher ebenfalls im Dorfmuseum. Foto: Volker Bitzer

Die Selbstversorgung einer typischen Familie beruhte auf dem Anbau von Dinkel, Hafer, Gerste und Kartoffeln. Auf dem Grünland weideten zwei Kühe, Rinder oder Ziegen. Von Ackerfrüchten und Hausabfällen konnten noch zwei Schweine und ein paar Hühner gehalten werden. Pferde konnten sich nur die reicheren Leute leisten. Um das karge Leben noch ein wenig aufzubessern, wurden häufig noch Textilien verarbeitet. Flachs wurde angebaut und ebenso wie Schafswolle selbst versponnen und zu Leinen verwoben.

Ulrike Schäfer (rechts) ist heute die Hauptverantwortliche fürs Melchinger Dorfmuseum. Unterstützt wird sie von Hannegret Bausinger und Aktiven des Kirchenchors. Sei es bei Führungen, beim Reinemachen, Aktionen oder der Herbstdekoration.
Ulrike Schäfer (rechts) ist heute die Hauptverantwortliche fürs Melchinger Dorfmuseum. Unterstützt wird sie von Hannegret Bausinger und Aktiven des Kirchenchors. Sei es bei Führungen, beim Reinemachen, Aktionen oder der Herbstdekoration. Foto: Volker Bitzer

Ein Webraum mit Flachsaufbereitung findet sich deshalb auch im Melchinger Dorfmuseum. Er war ein wichtiges Standbein, um das harte Leben bestreiten zu können. Der Großteil eines damaligen Hauses wurde nicht selbst bewohnt. Vorbehalten war dies einem Tennenbereich mit Leiterwagen und „Räuber-Karren“; dem Speicher mit Trögen und Waschbrett, Butterfässern und Geräten zur Schlachtung; dem Heuboden und natürlich den Stallungen. Ebenfalls gibt es eine Werkstatt, denn wenn etwas kaputt ging, musste es wieder repariert werden.

Frömmigkeit ist das Gebot: Einen Herrgottswinkel gab es früher oft in mehreren Zimmern.
Frömmigkeit ist das Gebot: Einen Herrgottswinkel gab es früher oft in mehreren Zimmern. Foto: Volker Bitzer

Einfach neue Gerätschaften kaufen, dafür fehlte meist das Geld. Neben diesen reinen Zweckräumen gibt es aber trotzdem eine gemütliche Wohnstube mit Ofen, eine dunkle und meist verrußte Küche und ein kleines und obendrein eiskaltes Schlafzimmer. Die gusseisernen Bettflaschen, ohne die man in den kalten Monaten nicht zu Bett gehen konnte, fehlen ebenso wenig wie Heilige Schrift und Katechismus in gleich mehreren Varianten und die kleinen Herrgottswinkel.

Eintauchen in diese Welt von einst, das können die Besucher im Dorfmuseum Melchingen, um das sich mittlerweile Ulrike Schäfer federführend kümmert. Es war im Jahre 2009, als die heute 51-Jährige dazu stieß. „Ich selbst habe großes Interesse an Heimatgeschichte und wollte einfach etwas zur Belebung beitragen“, schildert sie ihren Antrieb. Sie hat sogar eigens spinnen und weben gelernt, um bei Führungen, die sie meist persönlich und auf Anfragen macht, den Interessierten Wissenswertes nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu vermitteln. Hannegret Bausinger – übrigens Nichte des bekannten Tübinger Professors und Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger – steht Ulrike Schäfer häufig zur Seite. Ebenso wie die Sänger von Rachengold. Das ist der klingende Name eines rührigen Chores. Die Bande mit Sängern hat ja fürs Dorfmuseum quasi Tradition.

Museen tragen ja häufig das Gewand des Angestaubten. Ein historisches Heimatmuseum mit all seinen antiken Exponaten naturgemäß erst recht. Verschiedene (Mitmach)-Aktionen sollen deshalb helfen, den Museumsalltag aufzulockern: Zum Beispiel mit Flachs-Verarbeiten, Strohschuh-Flechten, Heilkräuteröl-Herstellen, Mosten mit den Jungs der Feuerwehr oder Adventssingen. „Lebendiges Museum“ nennt es Ulrike Schäfer.

Info

Das Melchinger Dorfmuseum hat keine festen Öffnungszeiten. Besichtigungen in der Museumsgasse 1 sind nur nach telefonischer Voranmeldung möglich: 07126/92230 (Ortsverwaltung) oder 07126/452 (Ulrike Schäfer). Erwachsene zahlen zwei Euro, Schüler einen.

Ähnliche Museen gibt es im Zollernalbkreis noch einige: Weitere Informationen dazu gibt es auf zollernalb.com unter „Entdecken“.

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