Unsere Heimatmuseen: das Meßstetter Museum für Volkskunst
Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Meßstetten, 16.11.2018

Unsere Heimatmuseen: das Meßstetter Museum für Volkskunst

Zählt das an Heiligabend den Herrgottswinkel schmückende Fatschenkind zur Kunst? Sind Kastenkrippen als Ausdruck der Volksfrömmigkeit ein Kulturgut von musealem Wert? Die Sammlung in Meßstetten gibt Antworten. 

von Gudrun Stoll  

Das Museum für Volkskunst in der Hangergasse 16 in Meßstetten zeigt auf vier Etagen über 1300 ausgewählte Objekte der Volkskunst. Die Exponate stammen vorwiegend aus dem süddeutschen Sprachraum und wurden im Zeitraum vom 17. bis 19. Jahrhundert geschaffen. Informative Tafeln erklären deren geschichtlichen Ursprung.

Nahezu 1300 Exponate beherbergt die Sammlung im ehemaligen Lehrerwohnhaus der alten Dorfschule in der Hangergasse 16.
Nahezu 1300 Exponate beherbergt die Sammlung im ehemaligen Lehrerwohnhaus der alten Dorfschule in der Hangergasse 16. Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Soweit die Eckdaten zu einer Sammlung, für die es in der Region bis in den Bodenseeraum und die nahe Schweiz kein Pendant gibt. Die Exponate stammen von Alfred Hagenlocher (1914 – 1998), der jahrelang neben künstlerischen Arbeiten etablierter und angesehener Künstler privat auch Werke der Volkskunst erworben hat.

Für den Gründungsdirektor der Städtischen Galerie Albstadt stand die Volkskunst gleichrangig neben der professionellen Kunst. Seine umfangreiche Sammlung hat Hagenlocher teilweise an die Stadtverwaltung Meßstetten verkauft und zu einem anderen Teil als Stiftung in das Museum eingebracht, das sich in seiner Konzeption deutlich abhebt von einem Heimatmuseum, für das alles aus dem örtlichen Umkreis von Schule und Kirche gesammelt wurde.

Hildegard Schade leitet das Museum für Volkskunst Sammlung Alfred Hagenlocher seit der Eröffnung im Jahr 1994 und organisiert auch regelmäßig thematische Sonderausstellungen. Zu ihren Lieblingsstücken gehört eine aufwendig gearbeitet Rührschüssel aus dem Jahr 1769.
Hildegard Schade leitet das Museum für Volkskunst Sammlung Alfred Hagenlocher seit der Eröffnung im Jahr 1994 und organisiert auch regelmäßig thematische Sonderausstellungen. Zu ihren Lieblingsstücken gehört eine aufwendig gearbeitet Rührschüssel aus dem Jahr 1769. Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Unter den Exponaten finden sich wahre Kleinode: Dachziegel, Ofenkacheln, Hafnerkeramik, Steinzeug, Teller, Schüsseln, Gläser, Dosen, Kästchen, Schmuck, Bestecke, Model, Möbel, Werkzeuge, Wetterfahnen, Amulette, Grabkreuze, Textilien und Votivbilder.

Es geht um Kunst, nicht um Nostalgie

Hildegard Schade leitet das Museum seit der Eröffnung im Jahr 1994 und sorgt jedes Jahr mit thematischen Sonderausstellungen zu Ostern und Weihnachten für frischen Wind in den Räumen. Die Besucher verbinden mit Puppenstuben, Baumschmuck und österlicher Hasenschule gerne Erinnerungen an die Tage der Kindheit. Aber auch an die Leihgaben aus privaten Sammlungen legt Hildegard Schade einen strengen Maßstab an. Sie müssen beispielhaft stehen für im Volk gefertigte Kunst, fern jeglicher Nostalgie und eines so gern als verklärt dargestellten Landlebens.

Eine besondere Kostbarkeit besitzt das Museum in den Zizenhausener Terrakotten. Die Tonfiguren aus dem bedeutenden Zyklus „Basler Totentanz“ stammen von dem Kirchenmaler Anton Sohn (1769 – 1841).
Eine besondere Kostbarkeit besitzt das Museum in den Zizenhausener Terrakotten. Die Tonfiguren aus dem bedeutenden Zyklus „Basler Totentanz“ stammen von dem Kirchenmaler Anton Sohn (1769 – 1841). Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Alfred Hagenlochers Streben galt der Gleichstellung der Volkskunst mit der „hohen Kunst“. Letztere hat sich an der Schwelle vom Mittelalter in die Neuzeit im Reservat einer privilegierten Oberschicht entwickelt, während die „Bauernkunst“ in ihrer Ursprünglichkeit verblieb. Die Werke der Volkskunst sind zumeist anonymen Ursprungs, ihre Produzenten haben keine im engeren Sinne ästhetische oder künstlerische Ausbildung absolviert.

Großen Wert gelegt haben die Vorfahren auch auf ansprechende Essbestecke.
Großen Wert gelegt haben die Vorfahren auch auf ansprechende Essbestecke. Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Der Begriff „Volkskunst“ findet in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im wissenschaftlichen Diskurs Verwendung. Möbel, Geräte, Keramik oder auch Schmuck erregten die Aufmerksamkeit von Forschern und Sammlern, die sich allerdings nicht für die Massenware, sondern für Spitzenstücke interessierten. Die Entdeckung der Volkskunst durch die Kunstwissenschaft als einem wertvollen Teil der westeuropäischen Kultur ging einher mit dem Verlust und dem Verschwinden handwerklicher Traditionen durch die aufkommende Industrialisierung.

Symbole tiefer Frömmigkeit

Nahezu zeitgleich holten sich bedeutende Künstler wie Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc und August Macke ihre Inspirationen abseits der Akademien und fanden in den Bauernstuben und Heimatmuseen wichtige Impulse für ihren Weg in Expressionismus und Abstraktion. Die Künstler der Moderne entdeckten auch die „primitive Kunst“ der außereuropäischen Länder. So hat der französische Maler Paul Gauguin in seinen Gemälden Tahiti als ein exotisches Paradies dargestellt, das in der Realität so nie existiert hat.

Die filigran gearbeitete Spanschachtel stammt aus Berchtesgaden und dürfte im 19. Jahrhundert entstanden sein.
Die filigran gearbeitete Spanschachtel stammt aus Berchtesgaden und dürfte im 19. Jahrhundert entstanden sein. Foto: Stadt Meßstetten/Gudrun Stoll

Der Rundgang durchs Meßstetter Museum vermittelt eindrücklich, wie sorgfältig die Vorfahren ihre Alltagsgegenstände mit Zeichen und Symbolen geschmückt haben. „Diese Zeichen dienten auch dazu, die Menschen zu belehren“, erläutert Hildegard Schade den tieferen Sinn. Denn Zeichnungen wurden von den Menschen, die oftmals nicht lesen konnten, verstanden. So symbolisierte der springenden Hirsch die Seele des Menschen, die das Erdgebundene und Diesseitige überspringt. Als Sinnbild des Lebens stehen Herz und Tauben.

In Aufschriften, Stickereien, Holzarbeiten und Bildern findet auch der christliche Glaube seinen künstlerischen Ausdruck. Die Haus- und Kastenkrippen aus dem 19. Jahrhundert mit ihren szenischen Darstellungen der Weihnachtsgeschichte zählen mit zu den interessantesten Exponaten. Volksglaube und Volksfrömmigkeit nehmen in der Sammlung einen breiten Raum ein.

 

Info

Öffnungszeiten Das Museum für Volkskunst – Sammlung Alfred Hagenlocher – ist an Sonn- und Feiertagen sowie mittwochs von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppen und Schulklassen erhalten nach Anmeldung auch an anderen Tagen eine Führung. Kontakt: Telefon 0 74 31/96 11 41. Erwachsene bezahlen 1,50 Euro Eintritt, Schüler, Studenten und Rentner einen Euro.

Sonderausstellung Aktuell ist das Museum für die Vorbereitung der Weihnachtsausstellung geschlossen. Sie wird am 1. Adventssonntag (2. Dezember) um 11 Uhr eröffnet und trägt den Titel „Lieblingsstücke - oifach schee“.

Ähnliche Museen gibt es im weiten Umkreis bis hinein in die nördliche Schweiz nicht.

Unsere Heimatmuseen: das Meßstetter Museum für Volkskunst

Rückenwind für Heimatmuseen: Die Stiftung Kunst, Bildung und Kultur der Sparkasse Zollernalb

Balingen. Die Stiftung Kunst, Bildung und Kultur eine Initiative der Sparkasse Zollernalb unterstützt 35 Heimatmuseen mit 33.500 Euro. Warum? Das wollten wir von Martin Schäfer, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Kunst, Bildung und Kultur (KBK), wissen.

Martin Schäfer. Foto: prv
Martin Schäfer. Foto: prv

Warum haben Sie die Heimatmuseen im Fokus?

Martin Schäfer: Weil wir der Meinung sind, dass das Geld gut angelegt ist. Wir leben in einer tollen Region, in der die Heimatmuseen eine wichtige Funktion übernehmen: Sie dokumentieren, wo wir herkommen, zeigen, wie die Menschen früher hier gelebt und gearbeitet haben, sind sozusagen ein Schaufenster in unsere Vergangenheit. Damit auch kommende Generationen die Chance haben, das zu erfahren, soll die Arbeit der Heimatmuseen unterstützt und bekannter gemacht werden.

Wissen Sie, wie die 33.500 Euro eingesetzt werden?

Martin Schäfer: Wir wollen den Verantwortlichen keine Vorgaben machen. Ich denke, dass jedes Museum eine eigene Ausrichtung und andere Schwerpunkte setzt. Die einen wollen vielleicht die Digitalisierung voranbringen, andere wiederum Projekte anstoßen, um verstärkt jüngere Besucher gewinnen zu können. Sehr viele Heimatmuseen werden von Ehrenamtlichen betreut. Es würde mich freuen, wenn unsere Spende auch dazu beitragen könnte, deren Einsatz zu würdigen.

Warum wurde die Stiftung KBK von der Sparkasse gegründet?

Martin Schäfer: Die Stiftung KBK haben wir im Jahr 2011 gegründet als die Sparkasse ihr 175-jähriges Bestehen gefeiert hat. Das Stiftungskapital betrug 1 Million Euro. Ziel war es, damit Kunst zu fördern, Kultur zu unterstützen und Bildung in der Region voranzubringen. Die Sparkasse unterscheidet sich von anderen Banken dadurch, dass sie nicht das Ziel der Gewinnoptimierung hat, sondern einen öffentlichen Auftrag erfüllt: die Förderung der Region. Das gilt für die Wirtschaft, aber auch das kulturelle Leben vor Ort.

Wer wurde bisher unterstützt?

Martin Schäfer: Die Stiftung hat in den vergangenen sieben Jahren viele Vereine und Einrichtungen unterstützt, die in den drei Bereichen aktiv sind. Etwa 220 Anträge wurden gestellt und 381.505 Euro seit 2011 ausgeschüttet. Alle zwei Jahre richtet die Stiftung auch den Bildungswettbewerb für alle Schulen im Zollernalbkreis aus, um zukunftsweisende Projekte und Ideen zu fördern.

Herr Schäfer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Info Haben Sie ein Projekt, das die Kunst, Bildung oder Kultur im Zollernalbkreis bereichert? Dann bewerben Sie sich auf sparkasse-zollern-alb.de/stiftungen.

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