Pendlerin zwischen zwei Kulturwelten
Narkoseschwester Renate Hölle ist nach drei Jahren Arbeit in Nordpakistan auf Heimaturlaub
Rosenfeld-Leidringen, 17.11.2010 von Rosalinde Conzelmann
Im Juli 2007 war die 46-Jährige, die seit 1995 im Auftrag der Deutschen Missionsgemeinschaft im Ausland tätig ist, zurückgekehrt in „ihr“ Krankenhaus in Qalandarabat. Dort hat sie nicht nur im Jahr 2005 das furchtbare Erdbeben erlebt, sondern diesen Sommer auch das Leid der Opfer der Flutwelle hautnah erfahren. „Das Schlimmste ist, dass es wieder die gleichen Menschen trifft, denn nach dem Erdbeben haben sich die Ärmsten der Armen an Flussgebieten angesiedelt, die nun überschwemmt wurden“, berichtet die zierliche Frau mit dem wachen Blick und dem offenen Lachen.
Glücklicherweise hat die Flutwelle das amerikanische Krankenhaus verschont. Denn das „Bach“ so heißt das Haus, wurde vor fünf Jahrzehnten auf 1500 Metern im Vorgebirge des Himalaja gebaut. Die Narkose- und Intensivschwester, die in Pakistan noch eine Ausbildung zur Hebamme gemacht hat, behandelt dort seit dem Sommer die Opfer der Flutwelle, die an Hautinfektionen, Darmerkrankungen, Erkältungskrankheiten und Krätze leiden.
Renate Hölles Arbeitsplatz ist der Operationssaal, wo sie mit einem internationalen Team zusammenarbeitet. Sie spricht die Landessprache „Urdu“, eine Mischung zwischen Arabisch, Hindi und Persisch, perfekt und hat auch Grundkenntnisse in „Pakthun“, das in großen Teilen Afghanistans und Pakistan gesprochen wird. Ihr Kontakt zur einheimischen Bevölkerung beschränkt sich jedoch auf die Arbeit im Krankenhaus, denn das Leben in Nordpakistan ist kein sicheres Leben für Fremde und die rund 100 Krankenhausmitarbeiter leben ziemlich abgeschirmt auf dem Gelände. „Es gibt Taliban-Camps in der Nähe, wir dürfen deshalb nicht raus“, sagt die gläubige Christin, die ihre Arbeit mit Hingabe verrichtet, weil sie den Menschen helfen kann.
„Das Bach hat einen guten Ruf, davon profitiert das ganze Team“, erzählt die Anästhesistin, die dieses Jahr eine Pakistanerin ausgebildet hat, die während ihrer Abwesenheit ihren Job übernehmen wird. Der gute Ruf des „Bach“, das nur 50 Betten hat, ist auch dafür verantwortlich, dass die kranken Menschen oft tagelang vor dem Eingangstor auf ihre Behandlung warten. Wie engagiert das Team arbeitet, verdeutlichen die Zahlen: 2009 wurden 60 000 Patienten behandelt, es finden jährlich 3000 Operationen und 1000 Geburten statt und täglich werden 300 Patienten ambulant behandelt. Der monatliche Mindestlohn in der Region Mansehra, dem Einzugsgebiet des Krankenhauses, beträgt 8000 Rupien, für eine Geburt werden 4000 Rupien berechnet.
In ihrer knappen Freizeit sitzt die Leidringerin viel am PC, um die Kontakte zu ihren Eltern Annerose und Rudi Hölle, den fünf Geschwistern mit ihren Familien, den Freunden und ihren Unterstützern zu halten. Außerdem dokumentiert sie ihre Arbeit.
Mit den klimatischen Bedingungen hat sie gelernt zu leben, was sie aber zuweilen immer noch hilflos und wütend macht, sind die Korruption im Land und „dieses Ehrgefühl der Bevölkerung, das sehr oft mit der Unterdrückung der Frauen, Ehrenmorden und Blutrache einher geht“. Sie muss hilflos zusehen, wenn junge Mütter in den eigenen Familien misshandelt werden. „Ich darf mich nicht einmischen, das würde alles nur schlimmer machen, denn die Frauen müssen ja nach ihrer Genesung zurück zu ihren Peinigern.“
Die nächsten Monate tritt diese traurige Wirklichkeit für Renate Hölle in den Hintergrund. Sie genießt „unsere gute deutsche Wurst“, freut sich auf das Weihnachtsfest mit der Familie und einen Urlaub mit Freunden. Bei einem zweimonatigen Praktikum im Klinikum Nürtingen will sie sich Anfang 2011 weiter fortbilden – Qalandarabat ist dann nicht mehr fern.
