Rock'n'Roll im Blut

Stuttgart, 07.10.2010

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Am 10. Oktober spielt der deutsche Rock-Superstar Marius Müller-Westernhagen in der Stuttgarter Schleyerhalle. Vorab stand er in einem Interview Andreas Schmitt Rede und Antwort.

In Deiner "Ruhrpott Trilogie" gibt es so viele Passagen, die zu geflügelten Wörtern geworden sind. Allen voran "Mit 18".

Westernhagen: Ja, das war einer der wenigen wirklich autobiographischen Texte. Das habe ich wirklich erlebt mit meiner Band in Düsseldorf. Vor allem waren wir im Düsseldorfer Raum so kleine Stars, das hat mich später vor vielen Fehlern bewahrt, weil ich da schon im Kleinen wusste, wie es funktioniert. Musikalisch ist das sicher so, dass das meine "Roots sind. Also Blues, R'n'B, Rock'n'Roll. Man sieht ja auch wie beim letzten Album "Williamsburg", dass man doch immer wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt bei allen Experimenten, die man zwischendurch versucht.

Du hattest sehr provozierende Texte damals.

Westernhagen: Die damalige Zeit, unglaublich. Das kann man sich heut' gar nicht mehr vorstellen. Also, es war schon ein Boykott da vom Radio und es hat lange gedauert. Die Platte hat sich über die Straße entwickelt. Durch Mundpropaganda, was ja sehr gesund ist, weil dann steht es auf festen Füßen, und irgendwann konnten da auch die Medien nicht mehr daran vorbei.

Du hast mit dem Song "Freiheit" dann bewiesen, dass man mit Popmusik auch ganz klare Inhalte transportieren kann.

Westernhagen: Das war ja auch immer dieser Wert, den Popmusik hatte. Also wenn man von Popmusik ausgeht, wie ich sie erlebt habe, als ich jung war, war Popmusik halt Bob Dylan, Led Zeppelin, Jimmy Hendrix. Das waren für uns schon Leute, die etwas artikulieren konnten, auch in ihren Texten, was wir vielleicht damals nicht artikulieren konnten, aber was wir gefühlt haben. Und das waren für uns in der Beziehung schon Hilfen ­ Lebenshilfen, ganz klar.


Nach "Freiheit" warst Du aber auch plötzlich nicht mehr der Kumpeltyp, sondern Du hast Anzug getragen und die Stadien gefüllt. Du warst wohl der erste richtige deutsche Stadionrocker.

Westernhagen: Ja, wir waren die Ersten und das kann ich bis heute meiner Frau verdanken, weil ich mir das auch nie habe vorstellen können. Als Deutscher trägt man ja von vornherein Minderwertigkeitskomplexe mit sich 'rum, und für mich waren Stadien immer nur was für die Engländer und Amerikaner und nicht für die Deutschen. Ich bekam dann das Angebot, und meine Frau hat gesagt: "Well, if you don't try it, you won't find out". Und dann haben wir es riskiert. Und es hat dann über ein Jahrzehnt gedauert, bis mir das dann wirklich über den Kopf gewachsen ist, weil ich dann wirklich in eine Position kam, die ich nicht ausfüllen wollte.

Man könnte trefflich darüber diskutieren woran es liegt, dass Musik heute oberflächlicher geworden ist.


Westernhagen: Es liegt am Geld und an der Gier. Die Plattenindustrie ist auch nicht derart eingebrochen wegen des neuen Mediums Internet. Das ist ein vollkommener Blödsinn. Ich glaube, es lag an der Gier, man wollte immer mehr, man hat diese unglaublichen Verkaufszahlen erreicht und man wollte mehr, mehr und mehr. So viele begabte Leute gibt es dann nicht, also muss man sich Stars erfinden, man muss sie sich bauen und damit geht natürlich die Substanz verloren. Und wenn man ein Produkt immer billiger und billiger und billiger erscheinen lässt, dann werden die Leute irgendwann wahrscheinlich auch denken, es ist billig. Und warum sollen sie es dann kaufen?

Was dürfen wir auf Deiner Tour erwarten? Welche Musiker bringst Du mit?

Westernhagen: Der Großteil der Band sind Amerikaner, unter anderem der Schlagzeuger von den Spin Doctors, und das wird sehr spannend werden. Wir wollen spielen, wir wollen Musik machen und wollen nicht nachspielen, was wir im Studio gemacht haben. Und ich hoffe, wie gesagt, dass der Funke da überspringt und wir eine gute Show bieten. Es wird auf jeden Fall eine richtige Rock'n'Roll Show werden.

Was wirst Du dann dort spielen? Wird es wieder die größten Hits geben?

Westernhagen: Das wird es sicher geben, das musst du auch einfach aus Respekt dem Publikum gegenüber. Es gibt einfach Songs wie "Sexy", die musst du spielen, weil die Leute kommen deswegen, die haben viel Eintritt bezahlt. Man versucht dann immer, eine gute und gesunde Mischung zu finden. Was ich mir vorgenommen habe, dass es zum großen Teil auf Blues, Soul und R'n'B basieren wird. Also ich glaube nicht, dass wir viele dieser Popsongs spielen werden. Wir werden einige Sachen versuchen etwas anders zu spielen, etwas anders zu arrangieren, es sind andere Musiker.


Das Gespräch führte Andreas Schmitt, Leiter Musikpromotion beim baden-württembergischen Privatsender Hit-Radio ANTENNE 1.

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