Aufrichtige Rebellen
Wizo im Interview
26.08.2010 von Bernd Haase
Hallo, hier spricht das Wochenblatt für den Zollernalbkreis:
Axel Kurth: Zollernalbkreis? Da haben wir vor Jahren im Rahmen unserer Abschiedstournee ein Konzert gegeben, das war der Hammer. Wir haben ohnehin in der Provinz die viel besseren Erfahrungen gemacht als in Städten. Da gibt es einfach keine Großstadtaffen, die sich wichtig machen. Wir kommen ja aus Sindelfingen, das ist ja eigentlich auch Provinz. Aber da finde ich überhaupt nichts schlechtes dran. Es gibt viel mehr Balingens und Sindelfingens als Berlins.
Jetzt spielt Ihr aber bei "Rock am See", das hat von seiner Größe nun überhaupt nichts Provinzielles?
Kurth: Da freuen wir uns aber total drauf. Das ist das einzige Konzert, das wir jetzt in Süddeutschland spielen. Anfang des Sommers haben wir gesagt, dass wir eine Handvoll exklusiver Festivals spielen wollen, die wir nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" zugesagt haben. Da kam aber komischerweise keine Anfrage aus Süddeutschland. Deshalb waren wir umso glücklicher, als die Leute von "Rock am See" angefragt haben. Das ist auch für uns ein Kultfestival. Selbst meine Mutter kennt das.
Ihr seid ja eine absolute Spartenband. Seid Ihr diesen Weg absichtlich gegangen?
Kurth: Ich würde aber sagen, dass wir in unserer Sparte in jedem Fall eine Hausnummer sind. Wer über die Toten Hosen und die Ärzte hinauskommt, der kommt irgendwann auch auf Wizo. Andererseits sind wir für viele die Einstiegsdroge in die härtere Musik. Wir haben jedenfalls keinen Wert draufgelegt, in der breiten Masse bekannt zu werden. Wir haben immer nach dem alten Punkrock-Ethos gearbeitet, dass wir alles selbst machen. Also
keine Verträge mit Majors abschließen, keine Videos. Als Videos aufkamen, haben wir das zwei Mal gemacht, mussten dann aber feststellen, dass das nicht unser Medium ist. Es ging uns natürlich auch darum, unsere Fans nicht zu verprellen.
Aber passt diese Einstellung zu einem großen Festival wie "Rock am See"?
Kurth: Das hat sich alles geändert. Das ist ja das Schöne am Niedergang der Musikindustrie. Wir als Band aus dem Independent-Bereich können jetzt auch auf großen Festivals spielen, ohne dass wir das ganze Business-Theater mit Major-Vertrag und fester Booking-Agentur und so weiter mitmachen müssen. Um dort zu spielen, können wir so bleiben, wie wir immer waren und müssen uns nicht dafür verbiegen. Klar war uns das immer ganz wichtig, uns von dem Mainstream abzuheben, dass wir zum Beispiel nicht in Hochglanzmagazinen auf
dem Cover erscheinen und so.
Die Toten Hosen, die bei "Rock am See" als Headliner spielen, erscheinen ja öfters in Hochglanz-Magazinen.
Kurth: Zu den Hosen haben wir im Gegensatz zu den Ärzten keinen Kontakt in Deutschland gibt es da einfach diese zwei Lager. Aber die Hosen waren immer da. Wir haben uns zwar nicht an ihnen orientiert, aber genau beobachtet, was sie so machen. Zum Beispiel auch als Anfang der Nuller-Jahre Campino begonnen hat, in Talkshows aufzutreten. Da war ich sehr skeptisch. Aber das hat ja nach ein paar Mal aufgehört, und das wird wohl auch seine Gründe gehabt haben. Was man den Hosen hoch anrechnen muss, war, dass sie definitiv
eine Pionierleistung vollbracht haben, dass diese Art von Musik zum Beispiel jetzt ohne große Probleme im Radio läuft. Davon profitieren wir auch. Dabei sind sie politisch immer integer geblieben. Das muss man ihnen absolut zu Gute halten. Es gibt ja auch Leute, die anfangen herumzudrucksen, wenn es darum geht, sich gegen Diskriminierung, Rassismus oder Gewalt von Rechts klar zu positionieren.
Einer von Euren neuen Songs handelt vom älter werden. Ist das ein großes Thema bei Euch?
Kurth: Das ist das zentrale Thema unseres kommenden Albums. Es ist doch so: Wenn man älter wird, verliert man viel von dem Zorn, den man als Jugendlicher hatte. Man hat auch keinen Bock, dauernd auf etwas sauer zu sein. Früher konnte man ganz radikal sein, wenn einem was nicht gepasst hat, sei es in der Schule oder in der Politik. Jetzt sieht man viele Dinge differenzierter. Es geht jetzt vielleicht mehr um Familie und um Kompromisse, die man machen muss. Deswegen muss man ja kein schlechter Mensch sein. Aber genau an diesem Punkt treten häufig Konflikte auf. Ich mache mir oft Gedanken, ob das richtig ist, was ich mache oder nicht, suche laufend nach Antworten. Das ist eine ständige Sinneskrise. Punkrock dagegen ist eine Jugendkultur, die vom Aufbegehren lebt und auch mal radikale Ausdrucksformen annimmt. Wir versuchen, die Leute, die mit uns älter geworden sind, mitzunehmen. Ich habe aber keinen Bock, hier Lösungen anzubieten, ich will das nur darstellen. Auch als Band wollen wir nicht mehr die jungen Wilden spielen, das wäre nicht aufrichtig. Aber natürlich werden wir auch bei "Rock am See" etwas vom Stapel lassen, was die nicht erwartet haben.
