Werden die Rehlein zu Dauermietern in unseren Gärten?
Heuberg-Anwohner reagieren ganz unterschiedlich auf ihre Gäste – Jäger erklären Ursachen und Entwicklungen
Balingen, 12.08.2010 von Karl-Otto Müller
Die Rehe am Heuberg sind wieder da. Nein, sie sind noch immer da. Sie waren niemals weg. Ganz selbstverständlich springen sie über Zäune, in Gärten. Ruhen hier. Gartenbesitzer im Wohngebiet hinterm Heuberg können ihre Geschichten erzählen. Ganz unterschiedliche: Seit Jahren beobachte er im Nachbargrundstück eine kleine Rehfamilie. Jedes Jahr aufs Neue zöge diese hier ein und ihren Nachwuchs auf. Jahr für Jahr schon, erzählt ein junger Hausbesitzer.
Sein älterer Nachbar ist weniger erbaut von seinen Logisgästen. Diese seien ihm alles andere als willkommen: Fast jede Art von Gemüse fressen die Tiere ab, aber auch Blumen und Knospen.
Eine Hausbesitzerin scherzt, sie habe bereits ganz wunde Handflächen. Wovon? „Vom Klatschen, damit die Rehlein wieder verschwinden.“
Die meisten der Gartenbesitzer haben sich mehr oder weniger arrangiert. Ihre Gärten schützen sie mit Netzen oder hohen Zäunen – oder aber sie lassen die Tiere ganz einfach gewähren, ja, erfreuen sich sogar an ihrer Anwesenheit.
„Wohl das Verträglichste, was wir tun können“, erklärt uns ein Balinger Jäger. Denn an das urbane Miteinander würden sich Menschen und Tiere gewöhnen müssen.
Das Füchslein sei der typische Ausdruck dafür: Ein so genannter Kulturfolger – der Fuchs folge der Kultur, sagt der Fachmann. Er jagt Mäuse, diese finden sich am leichtesten rund um Komposthaufen. Und diese gehören zur Zivilisation, wie Wasser und Licht. Und weil das Füchslein seiner Jagd in der Umgebung des Menschen ganz bequem und in absoluter Sicherheit nachkommen kann, fühlt es sich hier wohl und geborgen.
Gleiches gelte für die Rehe: Hier, in den jagdfreien Gärten am Fuße des Heubergs finden sie Futter und Sicherheit. Was wollen sie mehr? Wozu sollten sie sich noch in die unsicheren Gefilde heimischer Jagdreviere begeben – allenfalls, so beobachtet derzeit ein Waidmann, zur Blattzeit. Zum heimlichen Liebesspiel, solchem möchte, wer mag's ihm verdenken, denn auch ein scheues Reh besser in diskreter Abgeschiedenheit nachgehen, denn unter den Augen unserer Hobbygärtner.
Obwohl zur Zeit die dünnbeinigen Grazien deshalb wohl in Sachen Amor unterwegs seien, wären deshalb gerade jetzt die Waidmänner, so sie nicht außerhalb in der Sommerfrische weilen, ganz besonders gefordert. Gilt es doch auch bei heimischen Jagdgenossen als höchste Jagdkunst, den Bock in so genannter Blattzeit anzulocken und zu erlegen (Blattzeit = Brunft des Rehwildes von Anfang Juli bis Ende August!).
