Eine Zukunft für das Braunkehlchen
„Natura 2000“: Bürger sorgen sich um Fortbestand der bedrohten Vögel im Naturschutzgebiet „Gnagen“
Balingen/Geislingen, 30.07.2010
Am Dienstag trafen sich interessierte Bürger, darunter Mitglieder des Landratsamts sowie des NABU, Landnutzer und Eigentümer, am Spielplatz des Neubaugebietes „Weiherhalde“ bei Geislingen zu einer Informationsveranstaltung zum europaweiten Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ (wir berichteten kurz). Renate Riedinger, Carsten Wagner und Silke Jäger vom Regierungspräsidium Tübingen stellten den „Natura 2000“- Managementplan für die Gebiete „Kleiner Heuberg und Albvorland“ sowie „Wiesenlandschaft bei Balingen“ vor. Ziel des Projekts ist die dauerhafte Sicherung und Förderung wertvoller Lebensraumtypen für Tiere und Pflanzen in diesen klassischen Kulturlandschaften, welche intensiver landwirtschaftlicher Nutzung unterliegen. Untersucht werden soll die ökologische Wechselwirkung zwischen der Natur und dem Menschen, der in diese eingreift und sie verändert. „Natura 2000“ umfasst sogenannte FFH (Flora-, Fauna- und Habitat)–Gebiete und Vogelschutzgebiete in ganz Europa, darunter das Naturschutzgebiet „Gnagen“ bei Geislingen.
Die vom Regierungspräsidium beauftragten fachlichen Gutachter spielen eine wichtige Rolle bei der Planerstellung, indem sie Daten über die Gebiete sammeln: sie ermitteln unter anderem die vorkommenden Tier - und Pflanzenarten, diverse Umwelteinflüsse, das Nahrungsangebot, die Sterberate etc. und erstellen Karten, um Aussagen über die Schutzgebiete zu treffen. Nach der Kartierung und Bewertung der Gebiete erfolgt die Formulierung von Zielen und Maßnahmen zur Erhaltung beziehungsweise Optimierung der Lebensbedingungen für die dortige Tier - und Pflanzenwelt.
Der Tübinger Ornithologe Dr. Michael Stauss sucht nach Möglichkeiten, den Bestand der vom Aussterben bedrohten Braunkehlchen im Vogelschutzgebiet „Gnagen“ zu schützen. Jedes Frühjahr kommen einige Brutpaare aus Afrika und bauen ihre Nester in den mageren Flachlandmähwiesen. Allerdings hat die Zahl der Brutpaare seit den 60er-Jahren aufgrund zunehmender landwirtschaftlicher Bearbeitung der Wiesenflächen in ganz Baden-Württemberg enorm abgenommen. „Im gesamten Schutzgebiet leben schätzungsweise noch 1000 Braunkehlchen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl Ostdorfs. Stellen Sie sich vor, die Ostdorfer allein könnten ganz Baden-Württemberg unter sich aufteilen!“, erklärt Michael Stauss während der Exkursion durch „Gnagen“, wo diesen Mai gerademal zwischen 20 und 30 Altvogelpaare brüteten.
Von Gutachter Dr. Wolfgang Herter aus Jungingen erfuhren die Teilnehmer der Veranstaltung und Wanderung viel Wissenswertes – vor allem über die hiesigen Lebensraumtypen Auenwald, Streu – und Flachlandmähwiesen, die sich durch ihre jeweils typischen Pflanzenarten auszeichnen. „Natura 2000“ gibt Empfehlungen für die Landwirte zur Bewirtschaftung dieser FFH-Wiesen, um der Natur so wenig wie möglich zu schaden. Ab Herbst 2010 soll hier ein Gebietsmanager zwei Jahre lang tätig sein und sich Vorort um die Umsetzung der getroffenen Maßnahmen kümmern. Dazu ist die enge Zusammenarbeit und intensive Beratung mit den Landwirten erforderlich.
Den überaus interessierten Zuhörern wurde bewusst, dass jeder eine Verantwortung für „Gnagen“ zu tragen haben. Dieses Naturschutzgebiet sei einmalig, betonten sie, wenn man es nicht bewahre, werden hoch gefährdete Vogelarten, wie das Braunkehlchen, aussterben.
Einer der Anwesenden brachte es auf den Punkt: „Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Hier geht es um die Rettung der letzten Vögel ihrer Art.“ Sein Appel, nicht untätig zu bleiben, ging an Bürger und Bürgerinnen, Personen und Institutionen aus Politik und Landwirtschaft.
