Galerie wird massiv gekappt

Gestern: Gemeinderat Albstadt beschließt Sparmaßnahmen – Auch Musikschule muß bluten

Albstadt-Ebingen, 25.06.2010 von Holger Much

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Die Galerie Albstadt wird nicht geschlossen, aber massiv beschnitten. Dies war nur einer der tief greifenden Sparmaßnahmen, die der Gemeinderat Albstadt gestern Abend in langer Sitzung beschlossen hat.

Die aufgrund der katastrophalen finanziellen Situation der Stadt Albstadt dringend notwendigen Sparmaßnahmen wurden gestern rund dreieinhalb Stunden diskutiert und beschlossen. Herausgekommen ist ein umfangreicher, breitgefächerter Maßnahmenkatalog, der mit Kürzungen, Streichungen und tiefen strukturellen Änderungen ein Gesamtsparvolumen von rund 4 317 100 Euro umfassen soll. Ein erster Schritt, wie betont wurde.

Fast von Anfang an hat sich die Diskussion darüber, wie im Zuge leerer Kassen mit der zuschussintensiven Galerie Albstadt verfahren werden soll, zum stellvertretenden Sinnbild der Sparbemühungen insgesamt herauskristallisiert. Nicht zuletzt, weil sich die CDU sogar die Absicht auf die Fahnen geschrieben hatte, das 1975 eröffnete, eng mit der Stiftung von Walther Groz verbundene Haus zur Gänze zu schließen.

Dies ist nun zunächst nicht der Fall, auch wenn CDU-Fraktionsvorsitzender Willi Merkel verkündet, das Thema der Schließung sei noch nicht vom Tisch und auch Grünenstadtrat Andreas Laib einräumt, seiner Meinung nach wäre eine Galerieschließung der konsequentere Weg gewesen.

Die Galerie Albstadt wird demontiert und umgestaltet, aber bleibt bestehen. Das Museumsamt, dem bisher Galerie und alle Albstädter Museen untergeordnet waren und dessen Amtsleiterin Dr. Marina Sauer war und gleichzeitig Leiterin der Galerie Albstadt, wird aufgelöst. Dessen Räume in der Gartenstraße werden nicht weiter angemietet. Die Galerie-Büros kommen im 2. Obergeschoss des Galeriegebäudes unter.

Während der Bereich Museen personell und organisatorisch dem Amt für Kultur, Tourismus und bürgerschaftlichem Engagement zugeschlagen wird, wird die personell deutlich verkleinerte Galerie wieder direkt dem Oberbürgermeister unterstellt.

Zudem erhält die Galerie eine komplett neue, abgespeckte Konzeption: Statt umfangreicher Sonder- und Fremdausstellungen ist nun Konzentration auf den Sammlungsschwerpunkt angesagt. So soll eine Dauerausstellung „Dix und Expressionismus“ entstehen sowie ein Kindermuseum im zweiten Obergeschoss. All dies begleitet durch einige, ebenfalls reduzierte Sonderausstellungen aus eigenen Beständen.

Das wissenschaftliche Personal wird um 0,95 Stellen reduziert. Im Klartext heißt das: Die Stelle von Dr. Marina Sauer schrumpft um 40%(bisher 100%), die von Dr. Veronika Mertens um 25% (bisher 75%) und die von Museumsleiterin Susanne Goebel um 30% (bisher 100%). Für die Galerie stehen demnach noch 1,1 Personalstellen zur Verfügung. Dies entspricht fast der Ausgangssituation im Jahre der Gründung unter Leiter Alfred Hagenlocher, Einsparvolumen: 73 400 Euro.

Der Verzicht auf eine halbe Stelle des Verwaltungspersonals bringen weitere 21 600 Euro, der künftige Verzicht auf Volontäre und Freiwilliges Soziales Jahr zusätzliche 21.800 Euro. Die Stelle des Galeriehausmeisters wird gestrichen, weitere Reduzierung bei Hausmeister- und Reinigungstätigkeiten und der Öffnungszeiten bringen weitere 86 200 Euro.

Mit gekappten Sachkosten und einem verringerten Anschaffungsetat werden bei der Galerie so insgesamt 310 500 Euro eingespart – „Der Sparspatz in der Hand“, wie SPD-Stadtrat Markus Dapp formulierte. In Zukunft würde demnach der jährliche Zuschussbedarf für die Galerie 240 000 Euro betragen, für alle weiteren sechs Museen zusammen rund 300 000 Euro.

Ebenfalls enorm sind die kontrovers diskutierten Sparmaßnahmen bei der Musik- und Kunstschule. Hier sollen mit Hilfe eines zu erarbeitenden Sanierungskonzeptes ganze 400 000 Euro eingespart werden.

Alle drei Albstädter Büchereien bleiben ebenfalls erhalten, allerdings erhält das Tailfinger Haus den Charakter einer Kinder- und Jugendbibliothek. Der Status der Onstmettinger Bibliothek bleibt bestehen. Zusammen mit Stellenreduzierungen möchte man so 163 097 Euro sparen.

Neben unzähligen anderen Maßnahmen erhält beispielsweise die Volkshochschule 25 000 Euro weniger an Zuschüssen, die Albstädter Literaturtage 2011 sind komplett gestrichen. Vereinszuschüsse werden gekürzt und die Kindergartenbeiträge, seit Jahren auf dem gleichen Stand belassen, werden angehoben und Seniorenausflug und Seniorfasnetsitzung sind Geschichte.

Zudem wurde mit Bauchschmerzen eine Kapitalentnahme bei den Albstadtwerken von 5 Millionen Euro beschlossen. Ohne diese Entnahme wäre der Albstädter Haushalt jedoch nicht genehmigungsfähig.

Die Sportstadt Albstadt wird zur Spottstadt

Es ist wirklich erschreckend! Die wesentlichen Gründe gegen eine umfassende Beschneidung von Albstadts Kultur wurden in den letzten Wochen zahlreich vorgetragen, und dem OB wurde eine immense Unterschriftenliste vorgelegt, um den Brachschlag zu verhindern. Eine angemessene Würdigung haben diese Aktionen nicht gefunden. Da fragt man sich ernsthaft, ob der Wille von Albstadts Bürgern von Lokalpolitikern noch ernst genommen wird. Andere Städte wären froh, wenn sie ein derart vielfältiges Kulturangebot vorweisen könnten!!!
Immerhin wird die Galerie nicht geschlossen, aber Willi Merkels obsessives Festhalten an seinen Schließungsplänen oder der Umgang mit der Musik- und Kunstschule machen die bisherigen und die kommenden Diskussionen wohl zur Chronik eines angekündigten Todes. Man fragt sich, ob Merkel & Co einseitig denken oder die Relevanz von Kultur nicht erkennen wollen, nur damit sie ihren (nicht immer nachvollziehbaren) Willen durchzusetzen: Um Albstadt für seine Einwohner lebenswert zu erhalten oder gar für Auswärtige als Erstwohnsitz attraktiv zu machen, ist eine ganzheitliche Förderung aller Bereiche notwendig, auch um Synergieeffekte auszunutzen, die wiederum für den Fremdenverkehr förderlich sind - eine Konzentration nur auf die Wandermöglichkeiten oder die Sportstadt Albstadt ist zu einseitig, und angesichts der Bildungsdiskussionen ist die Kastration des recht hochwertigen Kulturangebotes eine Katastrophe. Mit den aktuellen Sparbeschlüssen, die eine bereits in Gang gesetzte Abwärtsspirale in Albstadts Kultur konsequent weiterführen, schädigt der Gemeinderat in unverantwortlicher Weise das Ansehen der Stadt selbst: Albstadt muß auch Kulturstadt sein, sonst mutiert die Sportstadt zur Spottstadt, und die Wanderstadt (noch mehr) zur Auswanderstadt!!!
Dr. Ralf Michael Fischer am 26.06.2010 10:59:42
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