Der „neue Beutter“ malt abstrakt

Mit 77 Jahren beginnt für den bekannten Geislinger Maler eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs

Geislingen, 05.05.2010 von Rosalinde Conzelmann

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Das Malen ist seine Erfüllung, sein Halt in schweren Zeiten. Auch mit 77 Jahren treibt es Otto Beutter täglich zur Staffelei. Jetzt hat der bekannte Maler künstlerisch nochmals neu angefangen und vom Naturalismus in den Expressionsmus gewechselt. Der „neue Beutter“ malt abstrakt.

Seit sechs Jahrzehnten ist die Malerei ständiger Lebensbegleiter des Geislingers, der sich in jungen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen auch Kunstzwängen beugen musste. So bemalte er Bauernmöbel – „ein Trend, der längst vorbei ist“, wie er heute sagt – und restaurierte Figuren. Weit eilte ihm sein Ruf als Ziegelmaler voraus. Sein Herz hängt nach wie vor an einem besonderen Ziegelwerk: Beutter malte die 14 Stationen des Kreuzweges auf über 300 Jahre alten Ziegeln aus dem Kloster Kirchberg auf. Noch immer erfüllt ihn die Ausstellung des Kreuzweges – jeder Ziegel wurde mit einem Eisengestell eingefasst – in der Nusplinger Friedhofskirche mit großem Stolz.

Als Beutter vor acht Jahren seine Ehefrau Reinhilde auf tragische Weise verlor, gaben ihm die Malerei und seine Familie Halt. Er flüchtete vor „der Stille daheim“ in seine Kunst. Seine große Schaffenskraft zeigt sich auch an der Vielzahl der Werke, die sich in Beutters Haus an den Wänden im Atelier und zwischenzeitlich auch in den Wohnräumen stapeln. „Es sind mehrere tausend“, schätzt der 77-Jährige, der das Glück hatte, seine Berufung leben zu dürfen. In schwierigen Zeiten hat er, um die Familie zu ernähren, auch Auftragsarbeiten angenommen. Sein gelernter Beruf als Maler (das war der Wunsch seiner Eltern) war ihm dafür eine solide Grundlage.

Heute gibt es für den Maler keine Zwänge mehr. Das Alter gibt ihm die Freiheit, „zu malen, was und wann ich will.“ Die Kinder haben ihre eigenen Familien, Otto Beutter lebt noch immer im Haus, das schon seinen Eltern gehörte und pflegt einen bescheidenen Lebensstil. Einziger Luxus sind kleinere Reisen.

Der lange Winter hat Beutter zugesetzt, jetzt drängt es ihn mit der Staffelei ins Freie. Irgendwann diesen Winter hat er in einem Fachgeschäft große Tuben von Farbe gekauft, „es war ein Sonderangebot.“ Die Farbe musste verbraucht werden und Beutter ging schwungvoll ans Werk: „Ich habe die Acrylfarbe mit der Spachtel aufgetragen.“ Das war die Geburtsstunde des „neuen Beutter“. Die neuen Werke sind zum Teil Erinnerungen – zum Beispiel an seine Ibiza-Aufenthalte – oder haben ihren Ursprung im Kopf des Malers. Beutter hat aber auch viele Naturerlebnisse gemalt. Sein letztes Werk hat ihn wieder ins Freie geführt. Das Bild entstand in einem kleinen Tal bei Rotenzimmern. Die Stimmung ist düster.

30 bis 40 Werke im neuen Stil hat der Maler diesen Winter gemalt – „ich bin noch nie so kreativ gewesen“, meint er. Ein Satz, der für Beutter immer Gültigkeit hatte, jetzt aber eine weitere künstlerische Dimension beinhaltet. Beutter entdeckt eine neue Farbwelt, die Werke leuchten, der Betrachter sieht, was er sehen will. Die Werke lassen eigene Deutungen zu. Erst kürzlich hat Beutter eine ganze Nacht durchgemalt. Dieses Werk zeigt einen See mit Teichrosen, eine große Weide und ein Fratzengesicht, das sich im Wasser widerspiegelt.

Ob der „neue Beutter“ nur eine Schaffensperiode lang bestehen oder noch weiter ins Abstrakte gehen wird, ist ungewiss. „Denn manchmal falle ich auch wieder in den alten Stil zurück“, bekennt der 77-Jährige, der an seinem 70. Geburtstag einmal sagte, „dass ich arbeiten will, bis ich sterbe.“

 

 

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