Schon der Dreisatz macht Probleme
Auch Unternehmen im Kreis klagen über mangelnde Reife ihrer Auszubildenden
Zollernalbkreis, 10.04.2010
„Ja, das ist leider so, diese Entwicklung können wir seit drei, vier Jahren auch feststellen“, sagt Julia-Kathrin Vollmer, Leiterin für Aus- und Weiterbildung bei der Firma Bizerba in Balingen. Bizerba bildet deutschlandweit rund 70 Schulabgänger aus, pro Jahr sind es 20. Laut Vollmer sind es vor allem Grundfertigkeiten im Rechnen oder Rechtschreibung, in denen die Auszubildenden große Schwächen haben: „Beim Dreisatz wird es schon schwierig.“ Vielen Auszubildenden fehle einfach auch das Verständnis, dass es in der Geschäftswelt klare Verhaltensregeln gibt. „Ein Schreibfehler in der Geschäftspost geht halt einfach nicht“. Um diesem negativen Trend entgegen zu wirken, hat der Betrieb in der Ausbildung das Gewicht inhaltlich verlagert: „In unseren Seminaren stehen solche Dinge mehr im Vordergrund.“
Zur „Ehrenrettung“ ihrer Zöglinge kann die Ausbildungsleiterin allerdings auch sagen, „dass die meisten die Kurve dann doch noch kriegen und sich das Bewusstsein und die Einstellung im Laufe der Ausbildung verbessern. Was die Bewerbersituation betrifft, hat Vollmer die Erfahrung gemacht, „dass es weniger sind und davon sind viele schlecht.“
Seinen Auszubildenden gibt Dr. Wolf-Dieter Kiessling, Geschäftsführer der Firma Beutter Präzisions-Komponenten in Rosenfeld im „Fach“ Sozialkompetenz gute Noten. „Das war früher schlechter“, bestätigt auch sein Ausbildungsleiter. Was beide jedoch auch bestätigen können: Vielen Hauptschülern fehlt es im Rechnen an den Grundkenntnissen. „Der Satz des Pythagoras ist existenziell wichtig in unserem Betreib und hier hapert es gewaltig“, sagt der Firmenchef. Bei Beutter wird deshalb beim Einstellungsverfahren ein großer Aufwand betrieben: „Das Eingangszeugnis ist dabei ein wichtiges Kriterium.“
Das Rosenfelder Unternehmen bildet jährlich vier Schulabgänger im gewerblichen und ein bis zwei im kaufmännischen Bereich aus. Außerdem ist ein Werkstudent in Ausbildung. Die Anforderung im gewerblichen Bereich ist sehr hoch. „Ein Hauptschüler mit einem mittleren Zeugnis hat keine Chance“, betont Kiessling. Die Bedienung der komplizierten und hochwertigen Maschinen bringe manchen an seine intellektuellen Grenzen. Kiessling und sein Ausbildungsleiter haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Einstellung der jungen Menschen zum Beruf besser geworden sei.
„Wir sind mit den schulischen Vorkenntnissen unserer Auszubildenden im Großen und Ganzen zufrieden,“ sagt Gerhard Göhring von der Personalabteilung der Firma Interstuhl in Meßstetten-Tieringen. „Wir würden uns allerdings grundsätzlich bessere Mathematik- und Rechtschreibkenntnisse wünschen.“ Defizite gebe es hier hauptsächlich bei den Hauptschülern, in Einzelfällen auch bei Realschülern. Das persönliche Verhalten sei abgesehen von wenigen Ausnahmen in Ordnung. Die Ausbildungsquote liegt bei Interstuhl bei über sieben Prozent. Die Übernahmequote lag in den vergangenen Jahren bei über 90 Prozent.
„Diese Entwicklung ist für uns nichts Neues“, sagt Carola Marqui über ihre langjährige Erfahrung im Ausbildungsbereich bei Mey bodywear in Albstadt. „Wir beobachten diesen Trend schon seit mindestens zehn Jahren. Vor allem registrieren wir große Mängel im Sinn verstehenden Lesen, in der Rechtschreibung und nach wie vor auch im Rechnen“.
An Durchhaltevermögen mangelt es hauptsächlich den sehr jungen Schulabgängern, wobei dieser Mangel durch weiterführenden Schulbesuch nicht unbedingt immer besser werde.
Durch ein enges Auswahlverfahren der Auszubildenden komme es jedoch zu so gut wie keinen Ausbildungsabbrechern. Im gewerblichen Bereich werden bei Mey jedes Jahr sechs bis acht Azubis ausgebildet, im kaufmännischen Bereich ein bis zwei. Die Übernahmequote beträgt 100 Prozent, um Fachkräftemangel vorzubeugen. Rund 40 Prozent der ausgebildeten Azubis streben eine Weiterbildung an.
„Die Klagen der Wirtschaft über die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger gewinnen aufgrund der dramatischen demografischen Entwicklung an immenser Bedeutung,“ sagt Nicolai Wiedmann, Ausbildungsleiter bei Groz-Beckert in Albstadt. Nach wie vor gebe es in der Region jedoch „gute und anständige Bewerber und Azubis“. „Der Daimler oder der Bosch würden sich über viele unsere Azubis sehr freuen. “ Allerdings macht ihm das Bewerbungsverhalten der Realschüler große Sorgen. „Im Zollernalbkreis landen nur knapp 50 Prozent der Abgänger aus den Realschulen im Dualen Ausbildungssystem. Viele Schüler und deren Eltern glauben leider, dass eine weiterführende Schule der Schlüssel zum beruflichen Erfolg wäre.“ Dem sei leider nicht so. „Wir nehmen bewusst auch schwächere Schüler bei uns auf und führen sie mit Nachhilfe zu einem Berufsabschluss,“ so Wiedmann. Das könne aber nicht die primäre Aufgabe der Wirtschaft sein, hier müssten die Schulen in die Verantwortung genommen werden.
Abbrecher gebe es bei Groz-Beckert so gut wie keine, da sorgsam ausgewählt werde, bei Problemen sofort einschritten und Maßnahmen in Absprache mit den Eltern ergriffen würden. Wiedmann: „Jeder meiner Ausbilder hinterfrägt zuerst sich selbst, uns und unsere Methoden, wenn Azubis nicht die erwartete Leistung bringen.
Das unterscheidet uns wohl von manchen Schulen und Lehrern.“ Die Ausbildungsquote liegt bei knapp zehn Prozent. Im Januar haben über 30 Azubis ihre Ausbildung beendet und trotz der Krise und Kurzarbeit hat Groz-Beckert quasi allen Absolventen mindestens einen befristeten Arbeitsvertrag angeboten.
Kopfnote muss stimmen: Wer sich nicht an die Spielregeln hält, bringt unter Umständen den ganzen Laden durcheinander
IHK und Handwerkskammer Reutlingen bestätigen das
Ergebnis der Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.
„Als Ausbildungsbetrieb haben wir einen unmittelbaren Eindruck von der Ausbildungsreife unserer Bewerber und möchten auch aus dieser individuellen Unternehmerperspektive das Umfrageergebnis bestätigen“, informiert Detlef Werneck von der IHK Reutlingen. Tatsache sei: „Betriebliche Ausbildung stellt nicht nur fachliche, sondern auch personale und soziale Anforderungen. Wer nicht ins Team passt, sich nicht an Spielregeln hält oder im Umgang mit Kunden nicht den richtigen Ton trifft, tut sich schwer und bringt unter Umständen buchstäblich den ganzen Laden durcheinander. Umgangsformen, Höflichkeit, auch Kritikfähigkeit und Lernbereitschaft sind grundlegende Voraussetzungen für den Erfolg in Ausbildung und Beruf.
Die Bedeutung der fachlichen Anforderungen, sprich Zeugnisnoten, hängt stark vom jeweiligen Beruf ab und ist deshalb schwer zu verallgemeinern.
Ausbildungsbetriebe gehen dagegen ungern Kompromisse ein, wenn es um Persönlichkeit, soziale Fähigkeiten und Charakter geht. Schüler mit schlechten Resultaten in den „Kopfnoten“ (Verhalten, Mitarbeit) haben somit schlechte Chancen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.“ Die IHK Reutlingen engagiere sich seit Jahren mit einer Vielzahl von Angeboten für Auszubildende und Ausbildungsbetriebe zur Verbesserung der regionalen Situation. Da der frühzeitige Kontakt zu Partnerbetrieben bereits während der Schulzeit klare Vorteile bringe, vermittle die IHK unter dem Motto „Wirtschaft macht Schule“ Kontakte zwischen Schulen und Unternehmen.
„Eindeutig ja“, bestätigt auch Rainer Neth, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Reutlingen, das Ergebnis der Umfrage. Das Problem der fehlenden Ausbildungsreife stelle sich schon seit Jahren. „Viele Schulabgänger verfügen nicht mehr über die grundlegenden Voraussetzungen, um eine qualifizierte Ausbildung im Handwerk zu beginnen. Defizite gibt es in Deutsch und Mathematik, aber auch bei der Zuverlässigkeit, der Pünktlichkeit und anderen wichtigen Sozialkompetenzen. Nicht nur in technisch anspruchsvollen Berufen ist es deshalb schwieriger geworden, geeignete Bewerber zu finden. Dies ändert nichts an der Ausbildungsbereitschaft der Handwerksbetriebe. Die engagieren sich weiterhin, um Jugendliche trotz aller Hindernisse zum Ziel zu führen.
