Der See rockt trotz Oasis
Konstanz, 02.09.2009 von Bernd Haase
Folgerichtig hatte denn auch ein Fan auf sein T-Shirt gepinselt, "I look back in anger". Ja, er war zornig. Andere machten ihrem Unmut Luft, indem sie nach dem Auftritt von Kasabian in schlechtester Fußballfan-Manier skandierten, "ohne Oasis wärt ihr niemals groß" Noel Gallagher ist bekennender Fan von Kasabian. Und wieder andere lösten den Frust ganz pragmatisch, indem sie auf dem offiziellen Festival-T-Shirt den Namen "Oasis" überklebten und "Deep Purple" darüber schrieben. Denn eben jene Veteranen und Miterfinder des Hardrock sollten die in den vergangenen zwei Jahrzehnten so wegweisenden Oasis vertreten.
Was sie denn auch taten. Und wie! Die alten Herren Deep Purple wurde 1968 gegründet kümmerten sich garnicht darum, dass sie stilistisch mit ihrem Dinosaurier-Rock in etwa so gut in das Festivalprogramm passten wie Micky
Maus in eine Folge der "Simpsons", sondern präsentierten mit "Highway Star" gleich mal einen ihrer großen HIts, weitere wie "Perfect Strangers" oder "Hush" und natürlich "Smoke on the water" folgten, bejubelt vom Publikum, das zum größten Teil Deep Purple allenfalls als Teil der angestaubten Plattensammlung ihrer Eltern kannte.
Und irgendwie schienen Deep Purple auch tatsächlich die Antwort parat zu haben. So wie sie Anfang der 1970er-Jahre die Beat-Seligkeit der vorangegangenen 60er mit ihren harten Gitarrenriffs mal eben zertrümmerten, so ließen sie jetzt eben jene Oasis, die dem britischen Pop mit allerlei Anleihen aus der Beat-Ära wieder eine Zukunft schufen, mit ihrem Stehvermögen ziemlich alt aussehen. In Ordnung, die Stimme des mittlerweile über 60-jährigen Frontmannes Ian Gilian war bisweilen doch etwas brüchig, dafür glänzte aber Gitarrist Steve Morse einmal mehr mit seinen filigranen Soli, und die Band als ganzes präsentierte sich als schnörkelloses Gesamtkunstwerk, das zwar nicht viel Neues, das alte dafür aber umso substanzieller zelebrierte. Respekt!
Für einen Großteil der mehr als 20 000 Besucher aber waren wohl Mando Diao nach der Oasis-Absage die wahren Headliner. Nicht von ungefähr, belegen die Schweden in der musikalischen Erbfolge von Oasis doch einen der vorderen Plätze. Klarer, geradliniger Gitarrenrock mit teilweise viel "Yeah-Yeah-Yeah"-Passagen wie beim Opener "Sheepdog" sind ihr Markenzeichen, ebenso ein klarer wie rotziger Gesang die Vorbildfunktion der Gallagher-Brüder ist unüberhörbar. Aber für das "Rock am See" hatten Mando Diao aufgesattelt, Trompete und Background-Chor inklusive, sie haben mit viel Ambitionen ihre Arrangements aufgepeppt. Am besten aber war ihr
Auftritt beim sehr intimen MIttelteil, bei dem die Frontleute und Gitarristen Gustaf Norén und Björn Dixgard Balladen wie "Ochrasy" vortrugen.
Wer auf Party aus war und die ließen sich die wenigsten Fans von der Oasis-Absage vermiesen war bis dahin schon bei The Hives auf seine Kosten gekommen. Nicht unbedingt virtuos, aber dafür umso selbstironischer und durchgeknallter präsentierten die ganz in Weiß gekleideten Herren ihren Punkrock, bei dem sie lustig in den Musikstilen der 1960er- und -70er-Jahre wildern.
Als Gesamtkunstwerk gar sehen sich The Sounds, wobei das wohl auf ihre exaltierte, mit vielen Anzüglichkeiten gespickte Bühnenshow zu münzen ist, denn musikalisch zeigten sie sich zwar lustig und tanzbar, aber dann doch eher eindimensional. Ganz anders dagegen Kasabian, deren vertrackter Rock-Soundtrack des neuen Jahrtausends leider ein wenig unter den vertrackten Soundbedingungen zu leiden hatte.
Fotos: Zora Bombach
