Brasilianerin im Schneerausch
Laura Vieira, Gastschülerin aus São Paulo, lernt für sechs Wochen Harthausen kennen
Winterlingen-Harthausen, 06.02.2009 von Barbara Wais
Zu Hause im brasilianischen São Paulo hat es rund 20 Grad und die Sonne scheint. Von solchem Frühsommerwetter kann man in Harthausen derzeit nur träumen. Auch Laura Vieira friert. Gegen die ungewohnte Kälte hat sie gleich mehrere Pullover übereinander gezogen und sich einen Schal um den Hals gewickelt.
Davon abgesehen gefällt es der Gastschülerin in Harthausen richtig gut. „Die Leute sind sehr nett und herzlich. Ganz anders, als erwartet. In Brasilien heißt es immer, die Deutschen sind so kühl“, sagt sie in fast perfektem Deutsch. Da sie die Sprache bereits im Kindergarten lernte, hat Laura kaum Verständnisschwierigkeiten – es sei denn, die Harthausener legen so richtig auf Schwäbisch los. „Dann wird es schwierig“, lacht die Brasilianerin. Neben dem Dialekt ist für die Großstädterin vor allem die ländliche Umgebung ungewohnt: „In Harthausen kennt sich jeder. Da bin ich sofort aufgefallen.“
Doch Gastschwester Angelique Schempp und ihre Familie haben Laura die Eingewöhnung leicht gemacht und sie direkt wie ein neues Familienmitglied aufgenommen. Auf die Idee mit dem Austausch war die Familie durch eine Anzeige der Agentur „DJO – Deutsche Jugend in Europa“ im Amtsblättle gekommen. Kurzerhand füllte Angelique ein Bewerbungsformular aus und im Herbst hatten sie und Laura dann zum ersten Mal Kontakt per E-Mail. Trotz zwei Jahren Altersunterschied verstanden sie sich auf Anhieb gut und zahlreiche Fotos wurden hin und her geschickt, bis Laura Anfang Januar dann endlich in Harthausen ankam. Seither treten die beiden Mädchen nur noch im Doppel auf: Vormittags in der Schule und nachmittags beim Hip-Hop-Tanzen, im Musikverein oder beim Fußball gucken. Überall sorgt die Brasilianerin für Aufsehen und muss zahlreiche Fragen über sich und ihre Heimat beantworten. „Die meisten wollen wissen, ob ich Samba tanzen kann. Kann ich aber nicht“, sagt sie lachend.
Dass Angelique und Laura nahezu dieselben Hobbys haben, ist kein Zufall. Die Agentur DJO bringt ganz bewusst junge Menschen mit gleichen Interessen zusammen. Drüber hinaus aber sind Gegensätze erwünscht, dass heißt Großstädter kommen aufs Land und umgekehrt. Dadurch sollen die Teilnehmer vor allem ein anderes Leben und eine andere Kultur kennen lernen.
Im Fall von Laura ist dieses Konzept voll aufgegangen. Schnee hat sie vorher noch nie in echt erlebt, genauso wenig wie die schwäbische Fasnet. „Am vergangenen Wochenende waren wir beim Ringtreffen“, erzählt Angelique und Laura ist noch immer verwirrt von Konfetti werfenden, Stempel ins Gesicht drückenden und Haare verwuschelnden Narren.
Am 20. Februar ist für Laura der aufregende Deutschlandbesuch schon wieder vorbei. Hoffentlich schneit es bis dahin nochmal, wünscht sie sich. Wenn Gastschwester Angelique dann in den Weihnachtsferien nach Brasilien kommt, wird sicherlich sie diejenige sein, der der Schnee fehlt.
