Meine Mitarbeiter sind mein Guthaben
Beim "Magier" aus dem Textildreieck
Burladingen, 13.04.2002 von gelöscht
Voller Zorn und Eifer zieht er zu Felde gegen unternehmerisches Fehlverhalten, wo immer es zum Schaden anderer sich auswirkt. Und das, obwohl er seine eigenen Geschäfte so ganz nach dem aus richtet, was der weise Lateiner unter dem geflügelten Spruchwort "sine ira et studio" versteht. Doch in diesen Zeiten, wo sich Pleiten und Pannen in der Wirtschaft häufen, wo - wie in der Börsenlandschaft - "heiße Luft" mehr zählt als harte Zahlen, kommt sich ein Wolfgang Grupp schon fast selber vor wie ein Missionar in Sachen "werteorientiertes Unternehmertum".
Sein Feldzug gewinnt Nachdruck durch augenfällige Unternehmensführung und -erfolg in einer Branche, deren Image und Zukunft in Deutschland nicht nur schlecht geredet wird, sondern die sich bekanntlich seit Jahrzehnten auch aus unseren Breiten auf mehr als wackeligen Beinen ins mehr oder weniger ferne Ausland verlagert. Und so nimmt es nicht wunder, wenn Wolfgang Grupp heute zu den bevorzugt und oft geladenen Gästen der Wirtschaftsmedien gehört. Unbequemes zu sagen
Der Unternehmer von der schwäbischen Alb und seine vom Mittelmaß abweichende Erscheinung schmückte jüngst so manche hochrangige Medien-Runde der Privatsender von MTV bis Phönix und ist auch bei internen "Wirtschaftsgipfeln" der ganz Großen gerne gesehener Gast.
Denn er hat viel und vor allem Unbequemes zu sagen. Thesen, deren Richtigkeit am eigenen Firmen-Beispiel fest zu machen ist. Eines heute 1 200 Mitarbeiter starken Unternehmens, das sich in der nunmehr 32jährigen Ära Wolfgang Grupp durch alle Höhen und Tiefen der Textilbranche mit Bravour geschlagen hat und dessen Umsatz- wie Ertragslage ihresgleichen in der Branche sucht, obwohl das Produktionskostenniveau angesichts der Personalstärke ziemlich am oberen Rand ist.
Doch Grupp besteht bekanntlich darauf, dass ein mittelständischer Unternehmer auch und gerade im vielgeschmähten "Trikot" durchaus in Deutschland produzieren kann, wenn er sich nur konsequent genug marktangepasst positioniert.
Für Unternehmerhaftung...
Mehr noch - er sieht in Massen-Entlassungen die Folge leichtsinniger, ja geradezu sträflicher unternehmerischer Entscheidungen und wird seinem Ruf als nimmermüder Streiter für Unternehmerhaftung auch im persönlichen Beispiel nämlich als persönlich haftender Gesellschafter seines Unternehmens gerecht.
Ein Einzelkämpfer? Wir freuen uns, dass Wolfgang Grupp, der soeben seinen "Sechzigsten" feierte und sich dabei "auf dem Höhepunkt seines Lebens fühlt", auch im ZAK-Café offen über wohlverstandenes Unternehmertum äußert. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es gilt, zum einen Größenwahn, zum anderen Verantwortungslosigkeit gegenüber Mitarbeitern zu geißeln.
"Jeder funktionierende Produktionsbetrieb lebt von Kapital, Maschinen und Mitarbeitern. Leistungsfähige Mitarbeiter sind darunter das wertvollste Guthaben, denn die kann man weder durch Börsenspekulation gewinnen, noch kaufen. Die muss man hegen und pflegen und ihnen als Vorbild vorangehen, an dem sie sich orientieren können."
Im gleichen Atemzug warnt er vor der allgemeinen politischen Entwicklung, die den Begriff "soziale Marktwirtschaft" nicht mehr verdient. In der menschliche Tugenden wie Anstand und Leistung sogar noch bestraft werden.
Was er - von NKD über Holzmann bis Kirch - belegt mit Beispielen aus der großen Welt und der kleinen vor der Haustüre - "wenn mit Millionen staatlicher Finanzhilfen aus Insolvenzen und Firmenliquidationen neue Firmen-Ableger "saniert" werden, die dann auch noch im unlauteren Wettbewerb die Preise kaputt machen und damit redlich sich behauptende Firmen in Gefahr bringen."
Auch beim Thema Banken ziemlich bittere Kommentare: "Wer dem treuen Sparbuch-Anleger durch suggestives Aufschwatzen von Aktien um sein mühsam erarbeitetes Geld bringt und damit Milliardensummen an Volksvermögen vernichtet, muss jetzt nicht klagen, wenn er selbst vor der Kündigung steht, weil der Kunde jedes Vertrauen verloren hat und sich dem Konsum verweigert."
Letzteres macht dem Trigema-Boss freilich auch zu schaffen, denn die derzeitige Kaufflaute geht natürlich nicht an seinen Trigema-Läden vorbei, die er als "Waffe" gegen Einzelhandelssterben und Konzerndruck seit Jahren mit Erfolg einsetzt.
"Unser tägliches Geschäft gib uns heute" - dieses Stoßgebet darf da schon auch in Burladingen in den Mund genommen werden, wenn es sogar staatlichen Institutionen wie der Bundeswehr "völlig egal ist, ob sie über einen Manipulanten von irgendwoher in der Welt mit Billigware versorgt wird, statt sich der eigenen Verantwortung für den deutschen Arbeitsplatz zu stellen.
Und die strengsten Moral-Appelle aus Burladingen helfen nicht weiter, wenn es "auch in Kreisen der politischen Verantwortungsträger keinen Unterschied mehr macht, woher und wie die Ware zustande kommt. Frei nach dem Motto: Hauptsache der Preis stimmt."
...und mehr Verantwortung
Der Betriebswirtschaftler und Kaufmann kann sich über solche Kurzsichtigkeit der "Öffentlichen Hand" nur wundern: "Es macht doch keinen Sinn, den eigenen Etat durch Preisdruck und Billigkäufe zu entlasten und auf der anderen Seite damit ein Heer von Arbeitslosen zu produzieren, das dann aus einem anderen öffentlichen Etat bezahlt werden muss." Und - in seinen Augen mindestens ebenso schlimm: "Welches Bild vermittelt eine Gesellschaft ihrer Jugend, in der unternehmerische Tugend darin besteht, die ihnen anvertrauten Arbeitsplätze für Millionen zu verscherbeln und sich dann auf den Millionen auszuruhen."Der Trigema-Boss mag seine persönliche Sicht der Dinge freilich nicht als puren Protektionismus verstanden wissen. "Deutschland ist ein Wohlstandsland ohne eigene Ressourcen, die Nation lebt letztlich vom Exportüberschuss und so muss man auf die Gegebenheiten eines globalisierten Marktes schon mit Verstand und sensibler Hand reagieren."
Dazu stehe durchaus nicht im Widerspruch, wenn man "heimische Ware einkauft, um heimische Arbeitsplätze zu stützen". Im Unternehmen, wo Trigema u.a. Garn von heimischen Lieferanten bezieht. Und im privaten Umfeld, wo sich das örtliche Blumengeschäft, der Metzger, Bäcker und Einzelhändler auch über den Grupp'schen Auftrag freut. "Auch wenn man dann ein paar Mark mehr zahlt." Die muss man allerdings erst mal verdient bzw. "auf der hohen Kante" haben. Als mit weitem Abstand größter Burladinger und darüber hinaus einer der größten Arbeitgeber der deutschen Textilindustrie tut ein Wolfgang Grupp das Seine dazu. Für sich selbst und für seine Mitarbeiter. Und das noch möglichst lange.
