Leserbrief

Gutachter tragen indirekt Mitschuld

31.01.2012

Ich erinnere mich in der Tat noch sehr genau an die Berichte über die im Sommer 2003 verübte Tat. Da ich dem Opfer und dessen Familie persönlich nahe stehe, war meine persönliche Betroffenheit sehr groß. Nachdem ich nun aus der Zeitung entnommen habe, dass der Vergewaltiger kürzlich wieder seiner furchtbaren Neigung gefolgt ist, bewegen mich auch die damaligen Gefühle wieder mit großer Intensität. Das Vergangene wird nochmals zur Gegenwart, und der Gedanke, dass das, was die junge Frau vor bald neun Jahren erleiden musste, ihr Leben tiefgreifend verändert hat, und dass die psychischen Folgen der Vergewaltigung sich nicht auslöschen lassen, treibt mich um.

Meine Gedanken kreisen aber auch um die Problematik der Bestrafung gefährlicher Täter. Einerseits sollen die potenziellen Opfer vor weiteren Gewalttaten geschützt werden, was nur möglich ist, wenn der Täter möglichst lange hinter Schloss und Riegel sitzt. Andererseits hat aber auch jeder Kriminelle ein Anrecht auf eine Chance, sein Leben zu ändern und sich in einem positiven Sinn neu zu orientieren. Ob es allerdings einem Triebtäter gelingen wird, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nicht mehr rückfällig zu werden, ist sehr fraglich, und auch der geringste Zweifel kann nur die eine Konsequenz nach sich ziehen: Eine Freilassung ist nicht zu empfehlen. Ich möchte deshalb nicht in der Haut jener Gutachter stecken, die durch eine „günstige Sozialprognose“ die Aufhebung der Sicherungsverwahrung erwirkt haben. Sie tragen indirekt eine Mitschuld an der erneuten Vergewaltigung.

Wolfgang Raichle
Taunusstraße 36, Ebingen

LESERBRIEFE

Sinnvoll in Bus investieren, nicht in nostalgische Protzprojekte

In der aktuellen und angebrachten Debatte um die Reaktivierung der Talgangbahn geistern gerade wirre Zahlen durch die Gegend. Von rund 35-40 Millionen Euro für den Wiederaufbau der 8 Kilometer Schienenstrecke von Ebingen nach Onstmettingen wird gesprochen. Ist das Geld in eine alte, marode und eingleisige Schienenstrecke gut investiert?

Ist die Linienführung für unsere heutigen Verhältnisse wirklich so gut gelegen? Für uns Jusos ist klar, dass das Geld – zumindest welche die Stadt in das Projekt stecken müsste – an anderen Stellen viel besser aufgehoben wäre. Einen guten Anfang kann man im unterfinanzierten städtischen Busverkehr machen: Ausbau der Linien und Taktzeiten, denn hier gibt es noch viel zu tun. Investitionen in neue, moderne Niederflur- und Gelenkbusse um für die Bevölkerung ein attraktives Angebot schaffen. Auf neue Erschließungen oder Änderungen im Stadtbild kann man mit einem Bus flexibel und günstig reagieren. Der Schienenverkehr bietet hier wenn überhaupt nur sehr stark begrenzte Möglichkeiten. Gerade im Eyachtal sehen wir noch enormen Verbesserungsbedarf im Busverkehr. Bereits im Talgang sehen wir die bestehende Buslinie 44 deutlich attraktiver als eine potenzielle „Triebel“-Reaktivierung. Die Nähe zu den Stadtkernen, die Verbindungen zu abgelegenen Stadtteilen, das alles sind die immensen Vorteile, die nicht zu unterschätzen sind und durch die Talgangbahn auch nicht automatisch zu erfüllen sind.

Festhalten an der Nostalgie der „guten, alten Zeit“ ist in unserer aktuellen Lage nicht angebracht und verantwortungslos, sondern tragfähige, zukunftsfähige und bezahlbare Ansätze für unsere regionale und städtische Verkehrspolitik sind einzufordern. Es gilt verkehrliche Prioritäten zu setzen. Albstadt ist gerade in einer schwierigen Lage, wir müssen aufpassen die Stadtkasse nicht durch weitere unnötige Protzprojekte zu überfordern und damit dem Trend der sinkenden Einwohnerzahlen zu begegnen. Der moderne Bürger wünscht sich eine Abwechslung aus Kultur, sozialen Angeboten, einem sicheren Arbeitsplatz und einer guten verkehrlichen Anbindung. Letzteres sehen wir mit dem politischen Einsatz für die Zollernbahn und dem Ausbau des Albstadtbus gegeben.

Hendrik Dahlhoff
Vorsitzender Juso-AG Albstadt
Im Anwandel 11/2,
Pfeffingen