Zwischen Lust und Frust
Handball-Bundesliga: Kiel dominiert die Konkurrenz – Kriselnde Altmeister
Balingen, 02.01.2012 von Marcus Arndt
18 Spieltage sind in der HBL absolviert. Mit 36:0 Punkten galoppierten die Zebras aus Kiel den Konkurrenten aus Berlin, Hamburg und Flensburg davon. Es waren die letzten Tropfen aus dem Reservekanister, mit denen sich die Norddeutschen im Hinrundenfinale gegen den kriselnden Altmeister aus Gummersbach über die Ziellinie schleppten.
Hinter dem Rekordmeister haben sich die Füchse aus Berlin als zweite Kraft im deutschen Handball etabliert. „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte Bob Hanning gegenüber dem Berliner Tagesspiegel lapidar und gratulierte anschließend jedem Spieler nach dem Kantersieg über die MT Melsungen. 8:2 Punkte hatte der Füchse-Geschäftsführer für die letzten fünf Bundesliga-Spiele 2011 gefordert, aber das Team von Trainer Dagur Sigurdsson wollte mehr. Es blieb sogar verlustpunktfrei. Damit hat sich das Spree-Ensemble eine glänzende Ausgangsposition für die Fortsetzung der zweiten Halbserie geschaffen.
Davon ist der HSV Hamburg nach vier Niederlagen in der Hinrunde weit entfernt. Die Hanseaten handelten rasch – und branchenüblich. Noch vor dem Jahreswechsel trennte sich der Meister nach nur einem halben Jahr von Coach Per Carlén. Angedeutet hatte sich die Entlassung des Schweden bereits seit Wochen. Seit dem knappen Pokalsieg bei den Rhein-Neckar Löwen als Martin Schwalb und Mäzen Andreas Rudolph in der Halbzeit mit in der Kabine waren und als der frühere Meister-Trainer später in der Partie sogar Anweisungen aufs Feld schrie, war eine Trennung nicht mehr abzuwenden.
Damit ist der Skandinavier auch an seiner zweiten Bundesliga-Aufgabe gescheitert. Sein Ex-Klub SG Flensburg-Handewitt, welcher an vierter Stelle überwintert, hat hingegen unter der Regie von Ljubomir Vranjes zu alter Klasse zurück-gefunden. Während der frühere Meister aussichtsreich im Rennen um die Champions League-Plätze liegt, haben die Löwen aus Mannheim die Erwartungen nicht erfüllt. Mit 25:11 Punkten haben die Kurpfälzer mittlerweile einen nicht unerheblichen Abstand auf die führenden Klubs aus dem Norden. Nicht das, was sich die Löwen vorgenommen hatten. Manager Thorsten Storm hat zuletzt erneut die Einstellung der Mannschaft kritisiert: „Die sportlichen Leistungen sind zu schwankend.“
Hinter den Mannheimern birgt der Kampf um die europäischen Startplätze die meiste Spannung in sich: Mit dem SC Magdeburg, dem TBV Lemgo und dem TuS N-Lübbecke liegen drei Teams dicht beieinander. Der Klub aus dem Wiehengebirge avancierte mit Erfolgen gegen Hamburg und die Löwen sogar zum Favoritenschreck. Trainer Markus Baur, der nach der Saison aus privaten Gründen aufhört, sagte nach der Niederlage gegen Burgdorf: „Es ist schade, dass wir am Ende so ein Spiel abgeliefert haben, weil wir über die gesamte Hinrunde sehr gute Leistungen gezeigt haben.“ Auch Lemgo, das im Sommer den Abgang zahlreicher arrivierter Akteure zu verkraften hatte, steht als Siebter mit 20:16 Punkten zur Halbzeit sehr gut da. Dahinter reihen sich die Altmeister Frisch Auf Göppingen und TV Großwallstadt sowie der HBW Balingen-Weilstetten, welcher die beste Hinrunde in der Klubgeschichte gespielt hat, ein, gefolgt von den punktgleichen Teams HSG Wetzlar, Melsungen und TSV Hannover-Burgdorf (14:22).
Um den Klassenerhalt ringen derzeit vier Mannschaften. Aufsteiger Eintracht Hildesheim hat mit 2:34 Punkten derzeit wohl die schlechtesten Karten. Der Bergische HC (10:26), der VfL Gummersbach (8:26) und der TV Hüttenberg (7:29) werden wohl die weiteren zwei Absteiger unter sich ausmachen, denn mit dieser Spielzeit hat sich der Modus leicht verändert und der Relegationsplatz wurde in einen direkten Abstiegsplatz verwandelt. Die drei Neulinge haben die meisten Experten auch vor der Saison im Tabellenkeller erwartet, aber dass der Liga-Dino Gummersbach, der seit der Gründung 1966 immer in der ersten Spielklasse zu finden war, so weit hinten rangiert, ist allen finanziellen Einbußen zum Trotz , wohl die Negativüberraschung der Hinrunde. Als Sündenbock des jüngsten Teams der Liga musste Coach Sead Hasanefendic den Verein Ende November verlassen.
Branchenübliche Entscheidungen
Altmeister VfL Gummersbach steckt in einer tiefen Krise. Als Schuldigen für die Misere machten die Verantwortlichen Trainer Sead Hasanefendic aus, welcher nach der 29:31-Heimniederlage gegen Aufsteiger Bergischer HC (13. Spieltag, d. Red.) von seinen Aufgaben entbunden wurde.
Meister HSV Hamburg zog nach der schwachen Hinrunde mit vier Niederlagen die Reißleine und trennte sich von Coach Per Carlén, welcher erst im vergangenen Sommer die Schwalb-Nachfolge angetreten hat. Bis zum Trainingsauftakt am 16. Januar wollen die Hanseaten einen Nachfolger präsentieren.
EHF-Cupsieger Frisch Auf Göppingen spielte in der ersten Halbserie einfach nicht konstant genug – und erfüllte die Erwartungen nicht. „Diese Schwankungen abzustellen, diese mentalen Blockaden zu lösen, das sind die großen Herausforderungen für die Rückrunde“, erklärte Geschäftsführer Gerd Hofele.
