Scheu macht Schluss
Zweifache Kunstrad-Weltmeisterin erklärt Rücktritt
Albstadt-Ebingen, 03.12.2011 von Reinhard Linder
Als Grund für ihren Rücktritt gab die Betriebswirtin an, dass sie neben ihrer Arbeit nicht mehr in dem Umfang trainieren könne, wie es notwendig wäre, um weiterhin Spitzenleistungen zu bringen. Zwar hätten sich Beruf und Sport bislang einigermaßen miteinander vereinbaren lassen, allerdings auf Kosten der Freizeit: „Ich habe das jetzt 16 Jahre lang gemacht. Jetzt wird es Zeit für etwas Neues.“
Zum Kunstradsport ist die Tailfingerin über die Kooperation Schule-Verein gekommen. Schnell hatte der damalige RSV- und württembergische Landestrainer Manfred Maute das Talent erkannt, das in der Erstklässlerin schlummerte. „Sie wird es weit bringen“, prophezeite der Übervater der Kunstradszene. Er behielt Recht. Im Jahr 2000 wurde Scheu deutsche Schülermeisterin, später holte sie den nationalen Titel bei den Juniorinnen. Den ersten Rückschlag erlebte sie bei den Junioren-Europameisterschaften 2003 im schweizerischen Altdorf. Sie lag klar auf Gold-Kurs, drei Sekunden vor dem Ende ihrer Übung stürzte sie und musste sich mit der Silbermedaille begnügen. „Das war für mich die größte Enttäuschung, die ich im Wettkampf erlebt habe“, sagt sie mit einem Anflug von Bitterkeit.
Ohnehin sei ihre Karriere von einem stetigen Auf und Ab begleitet gewesen. „entweder ganz oder gar nicht“, lautet ihr Resümee. Beim Wechsel von den Juniorinnen zur Elite wurde sie von einer Verletzung – zugezogen im Sportunterricht am Gymnasium Ebingen – ausgebremst. Es folgte die Enttäuschung über einen fünften Platz bei ihrer ersten WM-Teilnahme. Dafür wurde 2007 ihr Jahr. Scheu dominierte die German Masters-Serie und genoss im Rahmen dieses WM-Qualifikationswettbewerbes ein rauschendes Fest in der Zollern-albhalle. Sie fuhr als Favoritin zur WM nach Zürich und hielt dem enormen nervlichen Druck stand. „Dieser Titel war mein schönster Erfolg“, blickt sie gerne zurück. Ein Jahr später stand sie in Dornbirn wieder ganz oben auf dem Treppchen: „Das war wieder ein fantastisches Gefühl, aber nicht mehr so schön wie beim ersten Mal.“
Dass sie damals, am Höhepunkt, ihre Karriere nicht beendet hat, erklärt sie damit, dass ihr das Kunstradfahren eben noch viel Spaß gemacht habe. Doch inzwischen habe sich auch eine Menge Frust angesammelt infolge zweier verpasster WM-Qualifikationen: „Obwohl ich so viel Zeit und Energie reingesteckt habe, hat es nicht mehr richtig geklappt. Es waren nur Kleinigkeiten, die nicht funktioniert haben, nur ein paar Sekunden, die gefehlt haben.“
Einfach habe sie sich ihre Entscheidung nicht gemacht, beteuert sie. Schließlich würden die positiven die negativen Momente bei weitem überwiegen. Dazu zähle für sie auch die Unterstützung ihrer Eltern und Trainer, ihrer Fans und der Sponsoren Volksbank Tailfingen und Imnauer Fürstenquelle.
Auch wenn sie nun ihre aktive Laufbahn beende, werde sie ihrem Sport verhaftet bleiben, versichert Scheu, die sich mit Joggen und Tennis fit halten möchte und auch den Kontakt zu einer Ballsportart nicht ausschließt. Eines Tages, wenn es ihr die Zeit erlaube, werde sie wohl die Trainerlizenz machen, aber schon vorher werde sie dem Bundes- Landes- und Vereinstrainer Dieter Maute am Kunstradzentrum in der Landessportschule Albstadt bei der Nachwuchsarbeit zur Seite stehen: „Ich denke schon, dass ich mich einbringen kann. In dieser langen Zeit hat sich vieles an Wissen angesammelt.“
