Figurenzauber zu später Stunde
Gestern in der Dunkelheit aufgestellt: „Fabelwesen“ mit bekannten Gesichtern
Albstadt-Ebingen, 30.11.2011 von Holger Much
Heute werden sicher nicht nur Albstädter zuhauf in die Ebinger Obere Vorstadt pilgern. Denn dort gibt es seit gestern Abend die neuen, definitiv aufsehenerregenden Werke des Bildhauers Peter Lenk zu sehen.
Die Skulpturen sollten eine Überraschung werden. Das sind sie nun geworden, in der Tat. Dass der namhafte Künstler aus Bodman, Peter Lenk, die Skulpturen für die soeben neu gestaltete Obere Vorstadt in Ebingen schaffen würde, war schon lange ein offenes Geheimnis. Doch was die Skulpturen darstellen würden, war bis zuletzt nur wenigen bekannt. Gestern ab 20 Uhr wurden die skurril-märchenhaften, teils gigantisch großen Bronzefiguren mit einem Kran auf ihre endgültigen Plätze am neuen Bachlauf gehievt, wobei die Arbeiten im Dunkeln, geheimnisvoll angestrahlt vom Lampenlicht, gestern zahlreiche Schaulustige anzogen.
Kommentar einer Passantin: „Einfach grandios“. „Schee!“ schwärmte Tailfingens Gemeinderat Pommi. Heute präsentieren sich die Gestalten im Tageslicht.
Wie von Peter Lenk gewohnt, gehen formbildnerische Genialität und ein scharfer Blick für das Politisch-Gesellschaftliche eine unglaubliche Allianz ein. Der Betrachter kann sich überlegen, wer von den Polit-Chimären wer ist. Denn bei der Mehrzahl der Skulpturen stehen namhafte Gestalten des öffentlichen Lebens Pate (siehe Info-Kasten). Provokant mögen sie für manche sein, die 140 000 Euro schweren Hingucker in der Oberen Vorstadt. Doch sie werden Albstadt Besucher bescheren. Dort, wo Peter Lenks Skulpturen stehen, reisen Kunstfreunde auch von weither an.
Versuche der Menschwerdung: Peter Lenk sieht sich als Chronist seiner Zeit
Wen oder was stellen die Figuren dar? Wir lassen den Künstler selbst zu Wort kommen: „Es gibt zwei prähistorische Versuche der Menschwerdung aus Strauss und Molch und vier vollendete Sumpfblüter der jüngeren Vergangenheit. Dazu gehören die Politiker als Fabelwesen:
Sie werden nicht geboren, sie sterben nicht aus,
sie schlüpfen und entschlüpfen. Sie befruchten sich selbst.“
Dazu schuf er: „Mappus- Schnappus, das kleine Krokodil: 58 Jahre Regierungsmacht verzockt zu haben ist auch denkmalwürdig. Wendebauch Joschka Fischer: Kaum geschlüpft, okkupierte er sofort ein anderes Ei. Ein grünes. Erfolgreich diente sich das Politgenie als Feigenblättchen den Konzernen an, die er damals so inbrünstig verdammte. Ausländerbeauftragter Sarrazin: Eine notwendige Integrationsdebatte befeuerte er mit Kopftuchmädchen und jüdischen Genen. So etwas kommt
bestsellerfreundlich an in Deutschland. Zum Schluss nennt er Claudia Roth: „Zur Ritterin der Französischen Ehrenlegion wurde sie 2004 offenbar zu hart geschlagen. In einem Interview erklärte die grüne Pazifistin emphatisch: 'Ich liebe die Konflikte in der Türkei'.“
Verfahren: Alle Figuren wurden in Originalgröße modelliert, abgeformt in Silikon und im Wachsausschmelzverfahren ausgegossen. Zwei Jahre lang arbeitete Lenk mit seiner Tochter Miriam an den fein ausgeformten Skulpturen. Miriam Lenk sei, fügt der Künstler an, zuständig für die „üppigen Formen“. Albstadt kannte Peter Lenk zuvor nicht, zeigt sich aber zufrieden mit der Umgebung für seine neuesten Schöpfungen und lobt„Der Standort ist toll“. Die Frage, was der Antrieb für ihn sei, Kunst zu schaffen, beantwortet er so knapp wie deutlich: „Ich fühle mich als Chronist meiner Zeit“.
