OB Palmers Wendeplatte?
KOM-MENTIERT
21.05.2011 von Karl-Otto Müller
HATTE TÜBINGENS Oberbürgermeister Boris Palmer nicht noch wenige Wochen vor der Landtagswahl dem Balinger Landrat hoch und heilig versprochen, sich gemeinsam mit dem Zollernalbkreis für den Ausbau der vierspurigen B 27 einzusetzen? Um Tübingen herum, durchgehend bis Stuttgart. Und wie hatte er sich ob des Provinzjournalisten empört, der sich anmaßte, sein lautes Denken in Druckerschwärze zu meißeln: „Sie werden doch von einem Grünen nicht erwarten, dass er sich für Straßenbau einsetzt“. Konkreter noch, so hatte er sinngemäß argumentiert: Die alternde Bevölkerung der Zollernalb macht den vierspurigen Bundesstraßenausbau bald obsolet.
VERBALE PRÜGEL „vo dr Alb ra“, aber auch von der Reutlinger IHK und vermutlich auch aus eigenen Gemeinderatsreihen blieben nicht aus - in halbseitiger Rechtfertigung beteuerte er noch im Februar dieses Jahres seine Verbundenheit in verkehrspolitischem Geiste mit unserem Kreis. Der Buhmann derweil sollte der Autor sein - dessen journalistische Kompetenz der Grüne Vorzeigepolitiker in geschicktem Ablenkungsmanöver in Frage zu stellen versuchte. Hatte dieser es doch gewagt, ein vieltausendfach veröffentlichtes Zitat des Tübingers ohne Rückfrage bei demselben unseren ZAK-Lesern zur Kenntnis zu geben. In seiner Halbzeitbilanz hatte Palmer Zweifel an Finanzierbarkeit und Bau des Schindhau-Tunnels geäußert.
UND DIESER TAGE?
NACH DER WAHL ist vor der Wahl. Allen Beteuerungen im ZOLLERN-ALB-KURIER im Februar zum Trotz nahm der Tübinger ganz offenbar bei der B 27-Tagung des IHK-Regionalforums seinen geliebten Standpunkt wieder ein. Augen- und Ohrenzeugen berichteten von einem lauten Dialog in rund 40-köpfiger Landrats- und Bürgermeisterrunde, wie er „selten“ vorkomme. Seien diese Tagungen doch in der Regel „sehr sachorientiert“, schildert ein regelmäßiger Teilnehmer. Nicht so vor zwei Wochen in der Reutlinger IHK, als Regierungspräsident Hermann Strampfer gebeten war, Sach- und Planungsstand zum weiteren B 27-Ausbau zwischen Tübingen und Hechingen darzulegen. Auf Vortrags-„Höhe Ofterdingen“ habe sich der „sehr selbstbewusste Tübinger Rathauschef“ eingeklinkt, die Ausführungen Strampfers mit dem Hinweis auf das zu kreuzende Ofterdinger Gewerbegebiet, aber vor allem mit frechem Einwurf unterbrochen, dass er, Strampfer, wohl die Zeichen der Zeit noch nicht wahrgenommen habe.
Denn: Es war wohl drei Tage vor der Vorstellung Winfried Hermanns als neuem Verkehrsminister des Landes, da Palmer in dieser Bürgermeister-Runde zufrieden andeutete, dass der neue Minister just aus dieser Region käme und ganz bestimmt bestrebt sein werde, solchen weiteren Straßenbau zu unterbinden.
DIE EMPÖRUNG sei nicht ausgeblieben, erzählen uns Ohrenzeugen: Der Tübinger Landrat Joachim Walter, aber auch der stellvertretende IHK-Geschäftsführer Walter Herrmann wollten die Darstellungen Palmers nicht unkommentiert und ohne Erwiderung im Raume stehen lassen.
DER REGIERUNGSPRÄSIDENT, so erinnern sich Teilnehmer, habe sich ebenso diplomatisch wie friedfertig auf seine ihm verordnete Rolle im schwer durchschaubaren Behördendschungel zurückgezogen: Er sei schließlich kein politischer Straßenbauer, sondern Vollzugsstraßenbauer.
Pressesprecher Bernhard gab uns die zugehörige Erläuterung: „Ob eine Straße gebaut wird oder nicht, hängt von Land oder Bund ab, von deren politischem Willen oder deren Wünschen, wir auf dem Regierungspräsidium entscheiden nicht, wir führen Wünsche aus.“
UNERFÜLLT derweil bleibt mit heutiger ZAK-Kolumne Palmers Wunsch, dass er „davon ausgehe, dass aus diesem überschaubaren Zirkel nichts davon nach außen dringen wird.“ Ach so!
Haben Sie sich auf Ihrer Wendeplatte verfahren, Herr Palmer?
