Eine Menge Bargeld nach Polen kutschiert
Pferdekutschen-Händler aus dem Kreis soll knapp 546 000 Euro Steuern hinterzogen haben
Zollernalbkreis, 29.01.2011 von Klaus Irion
„Die Vorwürfe stimmen alle nicht. Im Gegenteil: Ich habe sogar zu viel Steuern bezahlt“, ließ der 51-jährige Angeklagte Richter Ernst Wührl und den Vertreter der Staatsanwaltschaft wissen. Dass dem so sei, „daran habe ich aber nach wie vor erhebliche Zweifel“, machte Wührl deutlich.
Worum geht es: Der Geschäftsmann begann vor über zehn Jahren damit, bei Pferdekutschenbauern in Polen Kutschen günstig einzukaufen und an Kunden in Deutschland, aber auch dem benachbarten Ausland weiterzuverkaufen. Startkapital hatte er leihweise von seinem Vater erhalten. Darüber hinaus wurde das junge Unternehmen finanziell vom Schwager des Angeklagten gestützt, der sich eine Invaliditätsrente hatte vorzeitig ausbezahlen lassen. „Er hat uns, wenn Not an Mann war, immer wieder mit höheren Beträgen ausgeholfen“, berichtete der Kutschenhändler.
Dass bei dem Ankauf der polnischen Kutschen nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestritt der Angeklagte nicht, allerdings hätte nicht er, sondern hätten seine polnischen Geschäftspartner Steuern hinterziehen wollen. Nach seiner Aussage habe er Rechnungen beglichen, die nicht dem wahren Ankaufswert entsprochen haben. Die Differenz zwischen dem Rechnungsbetrag und dem tatsächlichen Warenwert sei ohne Rechnung draufgeschlagen worden. Wobei in der ersten Zeit der komplette Betrag immer bar den Besitzer gewechselt habe. Entweder übergab ihn der hiesige Kutschenhändler selbst bei seinen monatlichen Besuchen in Polen. Oder aber er übergab das Bargeld an einen Kurierfahrer, der die Ware in den Zollernalbkreis anlieferte. Diese Praxis sei erst geändert worden, „als ein Kurierfahrer in Verona überfallen, niedergeschlagen und des Bargelds beraubt“ worden sei. Fortan wurden der Rechnungsbetrag überwiesen, nur der „Aufschlag“ wurde weiterhin in bar von Deutschland nach Polen transportiert.
Im Jahr 2001 oder 2002 wurde die An- und Verkauf-Praxis dann aber häufiger umgestellt. „Die Kunden wollten immer billiger beliefert werden, die Konkurrenz auf dem Markt wuchs.“ Am Ende hätten die Polen gar selbst angefangen, an Endkunden zu verkaufen. Der Händler aus dem Zollernalbkreis habe nach eigener Aussage daraufhin auf Direktbelieferung gesetzt. Die Ware sei demnach nicht mehr über sein Lager geliefert worden, sondern – von ihm vermittelt – direkt vom Produzenten zum Kunden.
Und das nicht nur innerhalb von Deutschland, sondern unter anderem auch in die Schweiz, nach Frankreich und in die Niederlande. „Die geschäftlichen Anfangsjahre waren noch in die Zeit der D-Mark und aller anderen europäischen Währungen gefallen, was uns bei den Banken eine Menge Wechselgebühren gekostet hatte.“ So kam der Geschäftsmann auf die Idee, bei der Kantonalbank Schaffhausen ein Konto zu eröffnen. Über dieses Schweizer Konto liefen fortan die ausländischen Transaktionen. Der Angeklagte präsentierte gestern allen Prozessbeteiligten eine Liste mit Namen der Kunden, mit denen über das Schweizer Konto Finanztransaktionen getätigt worden waren. „Die Liste hat meine Frau in akribischer Kleinarbeit zusammengestellt.“ Sie ist seit vier Jahren im Handelsregister auch anstelle ihres Mannes als Geschäftsführerin der Firma eingetragen.
Die Liste enthält auch den Namen eines Schweizer Kunden, „bei dem wir den Kaufpreis auf der Rechnung geringer angegeben haben, damit er bei der Einfuhr am Zoll weniger Gebühr entrichten musste“. Das sei aber wirklich der einzige Fall gewesen, bei dem er selbst so etwas getan habe, fügte der Kutschenhändler zu.
Was er getan hat, was nicht, ob er wirklich weit über 500 000 Euro Steuern hinterzogen hat oder – wie er behauptet – sogar zu viel Steuern bezahlt hat, wird bei der Fortsetzung des Prozesses in zwei Wochen erörtert. Dann soll der in diesem Fall federführende Steuerfahnder gehört werden. Der Anwalt des Angeklagten kündigte am gestrigen ersten Prozesstag darüber hinaus an, unter Umständen auch die Ehefrau und Geschäftsführerin in den Zeugenstand zu rufen.
